Geringe Muskelkraft als Risikofaktor für vorzeitigen Tod

Bluthochdruck und Adipositas erhöhen maßgeblich das Risiko, im medizinischen Sinne vorzeitig, d.i. vor dem 55. Lebensjahr, zu sterben. Nach Ansicht schwedischer Wissenschaftler kann nun ein weniger bekannter Faktor für das Sterblichkeitsrisiko gleichrangig hinzugefügt werden – die zu geringe Muskelkraft.

Bei älteren Erwachsenen ist geringe Muskelkraft bzw. Muskelschwund (Muskelatrophie) seit längerem mit dem erhöhtem Risiko für die Gesamt- und für die kardiovaskuläre Mortalität assoziiert.

Forscher um Finn Rasmussen vom Karolinska – Institut in Schweden fanden nun in einer prospektiven Kohortenstudie heraus, dass das Risiko, vor dem 55 Lebensjahr zu sterben, um 20 % – 35 % sinken kann, wenn die Muskeln in der Jugend durchschnittlich gut trainiert wurden. Dieses präventive Potential ist damit in etwa so groß wie die präventiv lebensverlängernde Wirkung, die normalem Blutdruck und Körpergewicht zugeschrieben wird. Als besonders aussagekräftig gilt die Muskelkraft der Hand. (1)

Daten

Das Ergebnis stützt sich auf eine Datenanalyse von 1.142.599 schwedischen männlichen Jugendlichen im Alter von 16-19 Jahren. Die Grundlage bilden gesundheitsrelevante Parameter aus dem schwedischen Wehrpflichtregister für die zwischen 1951 und 1976 geborenen männlichen Jugendlichen. Sozioökonomische Daten aus der Kindheit der Probanden, wie etwa Wohnsituation und Bildungsniveau der Eltern, wurden aus Volkszählungen zwischen 1960 bis 1980 hinzugefügt.

Die Teilnehmer sind ab dem Alter der Wehrpflicht bis zum frühesten von drei möglichen Ereignissen, der Tod, das Datum der Auswanderung oder das Ende des Follow-up (31. Dezember 2006) mit einer durchschnittlichen Beobachtungszeit von 24,2 Jahren (Bereich 1,0 bis 37,3) weiter begleitet worden.

Zielsetzung der Studie

Mit der Studie sollte der Zusammenhang von Muskelkraft in der späten Adoleszenz und dem vorzeitigen Tod aufgrund allgemeiner und spezifischer Ursachen wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen (koronare Herzkrankheit und Schlaganfall), Krebs und Selbstmord bestimmt werden.

Testverfahren

Aus den verschiedenen Messverfahren für die Muskelstärke sind im Rückgriff auf Ergebnisse einer älteren finnischen Studie Tests an der Hand, am Ellenbogen und am Kniegelenk für die Untersuchungen ausgewählt worden. (2) Besondere Aufmerksamkeit galt der Muskelkraft der Hände, deren Aussagewert in Bezug auf die Vorhersage der Mortalität seit langem unumstritten ist (3). Um aussagekräftige Informationen über die klinische Relevanz der Ergebnisse zu erzielen, wurde die Relation zwischen Muskelkraft und vorzeitige Sterblichkeit mit den Wirkgrößen für traditionelle Risikofaktoren wie Hypertonie/hoher Blutdruck und Adipositas/hoher Body-Mass-Index verglichen.

Ergebnisse

Im Beobachtungszeitraum verstarben rund zwei Prozent der Probanden; für 22. 883 Verstorbene lagen Informationen über die Sterbeursache vor. Mit 22,3 % (5.100 Fälle) war Selbstmord neben den nicht-intentionalen Unfällen (25,9%; 5.921 Fälle) die häufigste Todesursache im jungen Erwachsenenalter, gefolgt von Krebs (14,9%; 3.425 Fälle) und den Herz-Kreislauferkrankungen (7,7 %; 1.780 Fälle). Von letztgenannten entfielen 5,5 % (1.254 Fälle) auf koronare Herzkrankheiten und 2,3 % (526 Fälle) auf Schlaganfälle. Die restlichen 6.657 Todesfälle verteilten sich auf andere Ursachen der Sterblichkeit.

Die Wissenschaftler errechneten, dass hohe bis mittlere Muskelkraft in der Jugend generell verbunden ist mit einem 20-35% geringeres Risiko für vorzeitige Sterblichkeit. Ein bis zu 35 % reduziertes Risiko wird spezifisch für die durch Herz-Kreislauferkrankungen verursachten Todesfälle beschrieben. Die ermittelte Risikominderung durch Muskelstärke war für alle untersuchten Todesursachen unabhängig von Body-Mass-Index oder Blutdruck gegeben. (4)

Jugendliche, deren Muskelkraft im unteren Zehntel der Skalen lag, sind dem mit Abstand höchsten Mortalitätsrisiko ausgesetzt.
Ab einem mittleren Niveau der Muskelstärke bleibt die präventive Wirkung konstant, d.h. mit einer weiteren Steigerung der Muskelkraft konnte kein zusätzlicher Schutz vor vorzeitiger Sterblichkeit assoziiert werden.
Zwischen der Muskelkraftstärke und der Krebsmortalität wurde keine Verbindung ermittelt. Offenkundig scheint dagegen ein Zusammenhang zwischen mentaler und physischer Stärke. Trainierte Jugendliche weisen im Unterschied zu untrainierten ein 20-30% geringeres Todesrisiko durch Suizid auf.

Bewertung

In einer Fülle von Forschungsergebnissen ist bislang der Zusammenhang von körperlicher (vor allem kardiorespiratorische, Herz- und Atmung betreffende) Fitness und physischer wie psychischer Gesundheit belegt. (5)

Wohl erstmals und mit hoher statistischer Relevanz zeigt die schwedische Studie den spezifischen Zusammenhang zwischen der Muskelstärke bei männlichen Jugendlichen und dem vorzeitigen Tod aus verschiedenen Ursachen auf. Eine vergleichbar umfangreiche Datenanalyse für weibliche Jugendliche liegt noch nicht vor. Die Forscher vermuten, dass der Zusammenhang von Muskelkraft und Mortalität für Männer eine höhere Relevanz haben könnte.

Präventivmedizinische Überlegungen

Entsprechend den Ergebnissen der schwedischen Studie hat die Muskelkraft insbesondere der Hand einen ähnlich starken Einfluss auf die Gesamtsterblichkeit und die Sterblichkeit an Herz-Kreislauferkrankungen wie die beiden gut etablierten Risikofaktoren Übergewicht und Hypertonie. So liegt die präventivmedizinische Schlussfolgerung nahe, den Lesern zu empfehlen, die Muskulatur frühzeitig systematisch zu trainieren. Für die klinische Forschung sind die Studienergebnisse eine Anregung mehr, ergänzend zu den etablierten Risikofaktoren für Erkrankungen weitere Parameter langfristig in Betracht zu ziehen. In der präventivmedizinischen Forschung stellt sich erneut die Frage, wie früh im Leben Prävention einsetzen solle.

Quellen:

(1) Francisco B. Ortega et al.: Muscular strength in male adolescents and premature death: cohort study of one million participants. In: BMJ 2012; 345 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.e7279

(2) Viitasalo JT, Epoche P, Leskinen AL, Heikkinen E. : Muscular strength profiles and anthropometry in random samples of men aged 31-35, 51-55 und 71-75 years. In : Ergonomy 1985 28:. 1.563 -74.

(3) exemplarisch aus der angegebenen Sekundärliteratur für die Studie :
Rantanen T, Masaki K, He Q, Ross GW, Willcox BJ, White L.:
Midlife muscle strength and human longevity up to age 100 years: a 44-year prospective study among a decedent cohort. In: Age (Dordr)2012;34:563-70.

exemplarisch für Deutschland aus einer Studie des Robert Koch – Institutes:
Ellert U und B.M. Kurth: Gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Erwachsenen in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). In: Bundesgesundheitsbl 2013, 56:643–649, DOI 10.1007/s00103-013-1700-y

(4) Die Unabhängigkeit ist bestätigt in:
Anders Grøntved et al.: Muscle strength in youth and cardiovascular risk in young adulthood (the European Youth Heart Study). In: Br J Sports Med bjsports-2012-091907, doi:10.1136/bjsports-2012-091907

(5) exemplarisch:
Beary M, Wildgust HJ.: Chronic disease to top agenda. Cardiorespiratory fitness is an important risk factor. In: BMJ (2011) PMID 21343192 DOI: 10.1136/bmj.d1152

Kodama S, K Saito, Tanaka S, M Maki, Yachi Y, Asumi M, et al.: Cardiorespiratory fitness as a quantitative predictor of all-cause mortality and cardiovascular events in healthy men and women: a meta-analysis. In: JAMA. 2009 May 20;301(19):2024-35. doi: 10.1001/jama.2009.681.