Blutdrucksenker im letzten Lebensabschnitt nicht uneingeschränkt empfehlenswert [245]

Im hohen Alter kann eine zu starke Absenkung des Blutdrucks problematisch sein. So verstarben Senioren in der „Leiden85 plus“-Studie früher, wenn ihr erhöhter systolischer Blutdruck mittels standardisierter Medikation  reduziert wurde. Auch verloren sie ihre kognitiven Fähigkeiten schneller als andere ohne Bluthochdruckmedikamente. Gebrechliche Studienteilnehmer waren davon besonders betroffen.

Niederländische und Schweizer Wissenschaftler empfehlen deshalb, die Vor- und Nachteile einer blutdrucksenkenden Behandlung bei hochbetagten Patienten individuell abzuwägen. Ihre Ergebnisse, jetzt im Journal Age and Ageing publiziert, sind mit dem Forschungspreis 2018 des Schweizer Kollegiums für Hausarztmedizin ausgezeichnet worden.


Wissenschaftliche Details

Die Leiden 85plus-Studie untersucht seit zwanzig Jahren Einwohner der Niederlande und er Schweiz aus den Geburtsjahrgängen 1912 bis 1914 mit dem Ziel, beeinflussbare Faktoren für die Gesundheit im hohen Alter aufzuzeigen. Sie richtet damit den Fokus auf ältere Menschen; eine heterogene Bevölkerungsgruppe, die im Zuge des demographischen Wandels schnell wächst, aber noch wenig erforscht ist.

Aktuelle Ergebnisse der Leiden 85plus-Studie verweisen einmal mehr darauf, die Gruppe der Älteren differenzierter zu behandeln, als es bislang der Fall ist (1). Empfehlungen etwa zur standardmäßigen Regulierung des Blutdrucks in der Generation der über 60-Jährigen sind nicht unreflektiert auf Hochbetagte über 85 Jahren zu übertragen. So hatten 249 Teilnehmer der Leiden 85plus-Studie ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko und vermehrt Gedächtnisprobleme, wenn ihr Bluthochdruck standardmäßig durch Medikamente  abgesenkt wurde. Je tiefer der Blutdruck abfiel, umso deutlicher wurde der Zusammenhang.

Das Sterblichkeitsrisiko stieg bei einem um je 10 mmHg abgesenkten systolischen Blutdruckwert pro Jahr um 29 % an. Zugleich verringerten sich die kognitiven Fähigkeiten der Betroffenen um 0,35 Punkte schneller als bei anderen, die keine Blutdruckmedikamente erhielten. Ältere mit geringer Greifkraft, ein Merkmal von Gebrechlichkeit, waren besonders davon betroffen. Bei Studienteilnehmern ohne Bluthochdrucksenkung wurde hingegen kein vergleichbarer Zusammenhang zwischen dem Blutdruck, dem Sterblichkeitsrisiko und dem beschleunigten kognitiven Verfall beobachtet.

Die Studienautoren aus den Universitäten Leiden und Bern zweifeln am uneingeschränkten Nutzen von einheitlichen Zielvorgaben für die Blutdruckwerte vor allem bei sehr alten gebrechlichen Menschen. Diese ließen sich auch im Falle von Mehrfacherkrankungen kaum umsetzen. Die Experten raten vielmehr zum Abwägen der Vor- und Nachteile einer medikamentösen Behandlung von Bluthochdruck im Einzelfall.


Zum Weiterlesen

(1) S. Streit et al. (2018): Lower blood pressure during antihypertensive treatment is associated with higher all-cause mortality and accelerated cognitive decline in the oldest-old. Data from the Leiden 85-plus Study. In: Age and Ageing, Vol. 47, Nr. 4, S. 545–550. Online unter https://academic.oup.com/ageing/article-abstract/47/4/545/4993723?redirectedFrom=fulltext

 

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