Ernährung als ein Faktor in der kardiometabolischen Primärprävention [102]

Ernährung als ein Faktor in der kardiometabolischen Primärprävention Eine Zwischenbilanz der International Task Force for Prevention of Cardiometabolic Diseases

Lebensmittel können dazu beitragen, das kardiometabolische Risiko zu mindern. Beispielsweise erkranken Bevölkerungsgruppen in Süditalien, Griechenland und Spanien, die sich mediterran mit reichlich Obst, Gemüse und pflanzlichen Fetten ernähren, seltener kardiovaskulär als Gruppen, die in der Folge nordamerikanischer Essgewohnheiten sehr viel mehr tierisches Fett konsumieren (1, 2).

Die International Task Force for Prevention of Cardiometabolic Diseases hat in einem Symposium aktuelle Forschungsansätze rund um die präventive Wirkung von funktionellen Lebensmitteln fachwissenschaftlich diskutiert und die Ergebnisse jetzt im Journal Nutrition, Metabolism & Cardiovascular Diseases veröffentlicht (3). Im Fokus steht dabei die Einschätzung des Potentials von funktionellen Lebensmitteln für die personalisierte Prävention des Metabolischen Syndroms.

Funktionelle Lebensmittel

Funktionelle Lebensmittel werden als Produkte definiert, die nicht nur  Nährstoffe liefern, sondern auch einen potenziellen Nutzen bieten, Gesundheit und Wohlbefinden zu verbessern und/oder das Risiko für Krankheiten verringern. Sie sollten als Bestanteil einer normalen Ernährung verbraucht und nicht als Pille, als Kapsel oder in einer anderen Form von Nahrungsergänzungsmittel dargeboten werden.

Die Task Force bewertet, welche Mikronährstoffe in funktionellen Lebensmittel wie etwa Früchte, Nüsse, Rotwein, Tee etc. dabei helfen, die Blutdruck- und Blutfettwerte zu senken, die Endothelfunktionen zu verbessern, die Blutplättchen-Verklumpung zu mindern sowie entzündungshemmend oder antioxidativ, also in der Summe kardioprotektiv wirken (4).

 Protektiver Mechanismus Funktionelles Lebensmittel Aktive Bestandteile, zum Teil Mikronährstoffe
lipidsenkend  Früchte und Gemüse Ballaststoffe
Hülsenfrüchte Ballstaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe
Margarine Phytosterole
Nüsse Omega-3-Fettsäuren, Ballaststoffe und Polyphenole
Fettfisch Omega-3-Fettsäuren
Soja-Protein Genistein und Daidzein
blutdrucksenkend 

 

Trauben und Rotweine Traubenpolyphenole
Grüner und schwarzer Tee Polyphenole
Hülsenfrüchte Ballaststoffe
Fettfisch Omega-3-Fettsäuren
Zwiebel und Knoblauch Quercetin
Vollkorn Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe
Ginseng Ginsenoiside
antioxidant 

 

Paranüsse Vitamin E, Selen
Trauben und Rotweine Anthocyane, Catechine, Cyanidine, Flavonole, Myricetin, Resveratrol und Quercetin
Grünes Blattgemüse und Früchte Carotinoide, Tocopherol, Tocotrienole, Vitamin C, Flavonoide, Indole, Lutein
Sojaproteine ​​ Genistein und Daidzein
Tee (grün und schwarz) Polyphenole
Tomaten Lycopin
Pflanzliche Öle Tocopherole
entzündungshemmend Fische Omega-3-Fettsäuren
Nüsse, Samen und Öle Vitamin E
Hülsenfrüchte Polyphenole
Tee Catechine
Früchte und Gemüse Quercetin
Trauben und Rotweine Anthocyane, Catechine, Cyanidine, Flavonole, Myricetin und Quercetin
endothele Funktionsverbesserung Zitrusfrüchte und Gemüse Vitamin C, Polyphenole
Schokolade (dunkel) Flavionide
Fische Omega-3-Fettsäuren
Trauben und Rotweine Anthocyane, Catechine, Cyanidine, Flavonole, Myricetin und Quercetin
Nüsse Omega-3-Fettsäuren, Polyphenole
gegen Blutblättchenverklumpung Trauben und Rotweine Anthocyane, Catechine, Cyanidine, Flavonole, Myricetin und Quercetin

 

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Vorteile und Nachteile der Wirkung des Konsums von Fisch und Fischöl, von sekundären Pflanzenstoffen, wie etwa Phytosterinen, und von Selen auf kardiometabolische Risikofaktoren und ihre Wechselwirkung mit Medikamenten sind im Detail beschrieben und bewertet. Beispielsweise empfiehlt die Task Force nach sorgfältigem Abwägen den verstärkten Einsatz von selenangereicherten Lebensmitteln gegenwärtig nicht, trotz der günstigen, antioxidativen Wirkung von Selen im Einzelfall.

Wenn auch viele Aspekte darauf hindeuten, dass funktionelle Lebensmittel helfen, die Gesundheit zu schützen, befinden sich das Wissen und auch das Verständnis von den physiologisch aktiven Komponenten noch ganz am Anfang. Gerade für multifaktorielle Krankheiten wie Herz-Kreislauferkrankungen, Fettleibigkeit, Diabetes mellitus Typ 2, Krebs etc. gehört die Ernährung zwar mit zum Ensemble der wesentlichen Risikofaktoren, ihr spezifischer Wirkmechanismus ist nach wie vor unbestimmt geblieben.

Umfangreiche Forschungen in randomisierten Studien seien nötig, um den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit wissenschaftlich zu untermauern.

Nutrigenomik, Nutrigenetik und die personalisierte Ernährungsberatung

Ernährungsempfehlungen werden noch immer entweder allgemein oder für große Bevölkerungsgruppen ausgesprochen und nicht auf den Einzelnen zugeschnitten. Beispielsweise erhalten übergewichtigen Personen in der Regel den schlichten Rat, sich kalorienarm zu ernähren, oder Laktose-Intoleranz-Betroffenen wird empfohlen, Laktose- Produkte zu vermeiden oder zu beschränken.

Die Vermutung, dass Nährstoffe interagieren und Einfluss auf die individuellen, molekularen Mechanismen im Körper nehmen, hat zu zwei neuen Forschungsgebieten, die Nutrigenetik und die Nutrigenomik, geführt. Sie bereiten den Weg für eine personalisierte Prävention mit.

Nutrigenetik untersucht die Auswirkungen der genetischen Varianten auf die Toleranz und manchmal auf den Nährstoffbedarf eines jeden einzelnen unter physiologischen und pathologischen Bedingungen. Obgleich diese Fachrichtung noch jung ist, erlaubt sie jetzt schon individuelle Ernährungsempfehlungen, etwa um das kardiovaskuläre Risiko mindern zu können. Trägern des TT-Allel im MTHFR -Gen wird beispielsweise geraten, die täglichen Folsäure-Aufnahme von 200 mg auf 400-600 mg zu erhöhen, um ihre Homocystein-Konzentration im Serum unter dem kritischen Wert zu halten.

Die Wechselwirkung zwischen den Lebensmittelbestandteilen und den Faktoren, die die individuelle Aktivität der Gene regulieren, untersucht die Nutrigenomik. Es häufen sich derzeit Beweise, die zeigen, dass Umweltbedingungen in frühen Entwicklungsphasen, zu denen insbesondere auch die Ernährung zählt, das künftige Risiko für Erkrankungen beeinflussen können.

Um den Einfluss der Umwelt auf den Gesundheitsstatus auch nur einer Person lebenslang bewerten zu können, müssten theoretisch Unmengen von Daten erfasst und bewertet werden. Die Task Force schlägt vor, die Datenerhebungen exemplarisch auf die entscheidende Lebensphasen in der Kindheit, in der Pubertät und in der Lebensmitte zu beschränken, um praktikable Studiendesigns für eine personalisierte Medizin und anteilig auch für die personalisierte Ernährung zu erstellen.

Ebenso sollten vorzugsweise die schon bekannten herzschützenden Komponenten der Mittelmeerküche epigenetisch untersucht werden, um ein Modell für die Interaktion zwischen der  genetischen Prädisposition und den Umwelteinflüssen bei der Ausprägung individueller Risikofaktoren für das Metabolische Syndrom zeitnah zu konstruieren.

Zum Weiterlesen:

  1. Vgl. Assmann-Stiftung für Prävention. Mittelmeerkost beugt kardiovaskulären Erkrankungen vor. Zugang über den Link https://www.assmann-stiftung.de/mittelmeerkost-beugt-kardiovaskularen-erkrankungen-vor/ und die Einzelaspekte bei: Assmann-Stiftung für Prävention. Präventivmedizin kompakt. Zugang über den Link https://www.assmann-stiftung.de/praeventivmedizin-kompakt/
  2. Die mediterrane Küche hat eine sehr lange kulturhistorische Tradition, die von der UNESCO im Jahr 2013 gewürdigt worden ist, indem sie auf die Liste des immateriellen Kulturerbes, das eines dringenden Schutzes bedarf, gewählt wurde. http://www.unesco.org/culture/ich/index.php?lg=en&pg=00011&RL=00884#identification
  3. G. Assmann et al. International Task Force for Prevention of Cardiometabolic Diseases. Nutr Metab Cardiovasc. December 2014 Volume 24, Issue 12, Pages 1272–1300. http://dx.doi.org/10.1016/j.numecd.2014.10.010
  4. ebenda, Tabelle 2, Seite 1280

 

 

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