Über die PROCAM-Studie

Bei der PROCAM Studie (Prospective Cardiovascular Münster Study) handelt es sich um eine große Beobachtungsstudie mit Schwerpunkt auf Herz- und Gefäßerkrankungen. Eine klassische prospektive Studie – wie die PROCAM-Studie – vergleicht die zu Beginn der Untersuchung erhobenen Daten von Personen, die in dem Nachbeobachtungszeitraum eine Erkrankung entwickeln, mit den Daten der nicht Erkrankten. Zielsetzung in Prospektivstudien ist es, Risikofaktoren für koronare Herzkrankheiten und Schlaganfall, bzw. auch andere Krankheiten, zu finden, die Risikobestimmung und Früherkennung zu verbessern sowie Empfehlungen für eine frühzeitige Prävention aus den Studiendaten ableiten zu können.

Wie wird die Studie durchgeführt? Initiiert wurde die Studie 1978 am Institut für Arterioskleroseforschung an der Universität Münster von Prof. Dr. G. Assmann. Zu den Teilnehmern der Studie gehören Angestellte von großen Unternehmen und Behörden, die im Radius von etwa 100 km um die Stadt Münster im Nordwesten Deutschlands angesiedelt sind. Um lange Anfahrtswege zu vermeiden, wurden die Untersuchungen direkt vor Ort oder in einem eigens dafür ausgestatteten Bus auf dem Behörden- oder Betriebsgelände durchgeführt. Bis Juli 2007 hatten 50.000 Personen – 31.376 Männer und 18.624 Frauen – im Alter zwischen 16 und 78 Jahren an der Untersuchung teilgenommen. Im Rahmen einer detaillierten Vorsorgeuntersuchung für Herzinfarkt oder Schlaganfall wurde der Gesundheitsstatus der Studienteilnehmer anhand von standardisierten Fragebögen, der Bestimmung des Blutdrucks sowie anthropometrischer Daten (BodyMassIndex, Taillen- und Hüftumfang) und einer Nüchtern-Blutprobe zur Messung von mehr als dreißig Laborwerten erfasst. Im Abstand von vier Jahren wird bei allen Studienteilnehmern per Anschreiben ermittelt, ob diese zwischenzeitlich erkrankt sind und welcher Art diese Erkrankung ist. Ausgeschlossen werden von dieser Befragung (Nachbeobachtung) Personen, die bereits vor der Erstuntersuchung einen Myokardinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben. Wenn ein Teilnehmer im Beobachtungszeitraum gestorben ist, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten hat, an Krebs erkrankt ist oder sich eine andere schwere Erkrankung entwickelt hat, wird zur Sicherung der Diagnose oder Todesursache die Aufzeichnungen des Krankenhauses und des behandelnden Arztes angefordert. Alle Dokumente werden von unabhängigen Experten ausgewertet.

Was hat die Studie gezeigt? Anhand dieser Untersuchungen konnten Unterschiede beim Auftreten und bei der Ausprägung bestimmter Risikofaktoren zwischen der Personengruppe, die innerhalb von 10 Jahren einen Herzinfarkt bzw. Schlaganfall erlitten haben oder die aufgrund einer koronaren Herzkrankheit bzw. eines Schlaganfalls gestorben sind, und der Personengruppe ohne diese Ereignisse festgestellt werden. Aus dem Vergleich dieser beiden Gruppen wurden neun  Risikofaktoren für einen Herzinfarkt identifiziert. Sie beeinflussen das Herzinfarktrisiko unabhängig voneinander. Die Ergebnisse der Untersuchungen zeigten darüber hinaus, dass den neun Risikofaktoren eine unterschiedliche Bedeutung bzw. Gewichtung zugeordnet werden kann. Der wichtigste Risikofaktor ist neben dem Geschlecht das Lebensalter, gefolgt von LDL-Cholesterin, Raucherstatus, HDL-Cholesterin, systolischer Blutdruck, frühzeitigen Herzinfarkten in der Familien, Diabetes mellitus und Triglyceride. Unter Berücksichtigung dieser Risikofaktoren wurden mehrere mathematische Formeln (Algorithmen) erstellt. Diese Algorithmen ermöglichen, das so genannte Globalrisiko einer Person abzuschätzen, einen Herzinfarkt oder plötzlichen Tod durch koronare Herzkrankheit innerhalb der nächsten 10 Jahre zu erleiden. Es wurden verschiedene Tests, wie der PROCAM-Schnelltest, PROCAM-Gesundheitstest sowie der PROCAM-Spezialtest, entwickelt, die sich durch die Zahl der berücksichtigten Risikofaktoren unterscheiden und entsprechend für den Laien, den Apotheker oder Arzt und den Spezialisten gedacht sind. Zusätzlich wurden Punktsysteme zu Abschätzung des Herzinfarktrisikos entwickelt, die unabhängig vom Computer und damit in der Praxis einfach anwendbar sind. Mit einem entsprechenden Verfahren wurde ebenso ein Test zur Ermittlung des Schlaganfallrisikos erstellt, der PROCAM-Schlaganfalltest. Alle Tests stehen auf der Website der Assmann-Stiftung für Prävention Online bzw. als Downloads zur Verfügung.

Von besonderer Bedeutung ist die Erkenntnis, dass das Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko nicht etwa auf Basis eines einzelnen Risikofaktors bestimmt werden kann, sondern das Gesamtrisiko unter Berücksichtigung mehrerer Risikofaktoren abgeschätzt werden muss. Die Risikobestimmung für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall mittels der PROCAM-Tests erlaubt die Früherkennung eines Erkrankungsrisikos und eröffnet damit Chancen für eine rechtzeitige Prävention, insbesondere bei Hochrisikopersonen, die oft noch klinisch beschwerdefrei sind.