Vorzeitige Hirnalterung infolge pränataler Mangelernährung – die Überlebenden des niederländischen Hungerwinters [254]

Ein Mikronährstoffmangel des ungeborenen Kindes kann die Hirnalterung im Alter beschleunigen. Dies zeigten Hirnscans von Überlebenden, die im niederländischen Hungerwinter 1944/45 gezeugt worden sind. Bei 118 Betroffenen war die Hirnsubstanz um rund 4,3 Jahre früher gealtert im Vergleich zu anderen, die kurz vor der Hungersnot zur Welt gekommen sind (1).

Die Ergebnisse der deutsch-niederländischen Forschergruppe bestätigen den lebenslangen Einfluss, den die Qualität der pränatalen Nährstoffversorgung auf die Hirnentwicklung nimmt. Sie verweisen zudem auf das präventive Potential des biologischen Hirnalters als ein Marker bei der Früherkennung von beschleunigten Hirnabbauprozessen, beispielweise bei Demenzen (2;3).


Wissenschaftliche Details

Gravierende Mangelernährung während der frühen Schwangerschaft kann beim ungeborenen Kind zu Entwicklungsstörungen führen, die die Hirnsubstanz im Alter vorzeitig altern lässt. Dies belegen aktuelle Studienergebnisse einer deutsch-niederländischen Forschergruppe am Jenaer Universitätsklinikum (1).

Die Wissenschaftler haben den Zustand der weißen und grauen Hirnsubstanz bei 118 männlichen Überlebenden des niederländischen Hungerwinters mit Hilfe von Hirnscans verglichen und die Bilder mit Hilfe von Algorithmen in einen Scorewert für das biologische Hirnalter umgerechnet (2;3). Dabei zeigten sich gravierende Unterschiede bei den im Schnitt 67-Jährigen, obgleich diese innerhalb eines Zeitfensters von nur wenigen Monaten am gleichen Ort zur Welt gekommen waren[1].

Männer, die während der Hungermonate von November 1944 bis Februar 1945 gezeugt worden waren, wiesen eine um bis zu 4,3 Jahre vorzeitig gealterte Hirnstruktur auf im Vergleich zu anderen, die kurz vor der Hungersnot geboren oder kurz danach gezeugt worden waren. Ausgeprägte Mangelernährung während der Schwangerschaft stört die gesunde Hirnentwicklung des noch ungeborenen Kindes nachweislich dauerhaft und lässt es in späteren Lebensphasen schneller altern, so die Wissenschaftler im Résumé.

Die Forschungsergebnisse erlauben Rückschlüsse, auf welche Weise die Hirnalterung präventiv beeinflusst werden kann. Sie unterstreichen zum einen nachdrücklich die immense Bedeutung einer ausgewogenen vorgeburtlichen Ernährung für die gesunde Hirnentwicklung. Zum anderen weisen sie retrospektiv auf mögliche Risikofaktoren wie etwa Mikronährstoffdefizite für neurodegenerative Erkrankungen hin und eröffnen zudem Zeitfenster für eine frühzeitige Intervention. So kann ein höheres Hirnalter im Vergleich zum kalendarischen Lebensalter auf beginnende, pathologische Prozesse hinweisen, noch bevor diese sichtbar werden.


Zum Weiterlesen

(1) K. Franke et al. (2018): Premature brain aging in humans exposed to maternal nutrient restriction during early gestation. In: NeuroImage, Vol. 173, S.460-471. Online unter https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1053811917308741?via%3Dihub

(2) J.H. Cole et al. (2018): Brain age and other bodily ‘ages’: implications for neuropsychiatry. In: Molecular Psychiatry, Online unter https://www.nature.com/articles/s41380-018-0098-1#article-info

(3) J.H. Cole & K. Franke (2018): Predicting Age Using Neuroimaging: Innovative Brain Ageing Biomarkers. Trends in Neurosciences. In: Cell, Vol. 40, Nr. 12, S. 681 – 734. Online unter https://www.cell.com/trends/neurosciences/fulltext/S0166-2236(17)30187-X

Fußnote(n)

[1] Die holländische Hungergeburtskohorte umfasst 2.414 Männer und Frauen, die während der Zeit vom 1. November 1943 und dem 28. Februar 1947 im Wilhelmina Gasthuis in Amsterdam geboren wurden.

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