Vorteile und Risiken von Aspirin in der Primärprävention bei über 70-Jährigen [255]

Niedrig dosiertes Aspirin gehört zu den am weitesten verbreiteten Mitteln zur Vorbeugung von Herzinfarkt und Schlaganfall. Es wird zudem in der Krebsvorsorge bei Erwachsenen im mittleren Lebensalter eingesetzt. In welchem Umfang Aspirin auch gesunde Ältere vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch Tumoren schützen kann, ist noch nicht abschließend geklärt.

Das New England Journal of Medicine hat nun erste Ergebnisse aus der „Aspirin in Reducing Events in the Elderly“ (ASPREE)-Studie vorgestellt. Diese zeigen, dass der primärpräventive und lebensverlängernde Effekt von Aspirin bei über 70-Jährigen geringer ausfiel als erwartet. Aufgrund der widersprüchlichen Studienlage zur Einnahme von Aspirin empfehlen Experten insbesondere Älteren, Aspirin nicht ohne ärztliche Anweisung einzunehmen.


Wissenschaftliche Details

Niedrig dosiertes Aspirin hat sich in der Prävention des Herzinfarktes und des ischämischen Schlaganfalls bewährt und kann darüber hinaus dazu beigetragen, Darmkrebs zu verhindern, indem es das Wachstum von Darmpolypen verzögert. Da in späten Lebensphasen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs häufiger auftreten als in jüngeren Jahren, bestand die Hoffnung, dass der Einsatz von Aspirin bei Älteren einen noch größeren präventiven Nutzen erbringen kann als bei Jüngeren.

Erste Ergebnisse der ASPREE-Studie, in der die Vorteile und Risiken von täglich niedrig dosiertem Aspirin bei gesunden älteren Erwachsenen seit 2010 untersucht werden, haben diese hohen Erwartungen noch nicht bestätigen können. Der Tod infolge von Herzerkrankungen trat mit Aspirin kaum weniger häufig auf als ohne dieses Medikament. Die Krebssterblichkeit war mit Aspirin kurzzeitig sogar leicht erhöht und muss weiter beobachtet werden. Das New England Journal of Medicine hat diesen Befund jetzt in drei Publikationen zusammengefasst (1;2;3).

Die „Aspirin in Reducing Events in the Elderly“ (ASPREE)-Studie ist eine internationale, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 19.114 über 70-Jährigen Australiern und US-Amerikanern. Ihre Teilnehmer hatten zu Beginn keine diagnostizierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kein höheres Risiko für Demenzen. Drei Viertel hatten einen zu hohen Blutdruck, zwei Drittel zu hohe Blutfette, ein Viertel eine eingeschränkte Nierenfunktion und jeder Neunte zu hohe Blutzuckerwerte.

9.525 Studienteilnehmer erhielten täglich 100 mg Aspirin, 9.589 ein Placebo. Im Verlaufe von 4,7 Beobachtungsjahren verstarben 1.027 Teilnehmer, die Hälfte von ihnen an Krebs, ein Fünftel an einem Herz-oder Schlaganfall und jeder Zwanzigste an schweren Blutungen.

Im Vergleich zur Placebo-Gruppe fiel die Sterblichkeit in der Aspirin-Gruppe mit 5,9 vs 5,2 % unerwartet leicht erhöht aus. Zur erhöhten Sterblichkeit bei Aspirineinnahme haben vor allem die Tumorerkrankungen beigetragen. Da der Befund einer erhöhten Sterblichkeit mit Aspirin von den Ergebnissen früherer Studien abweicht, die eher die lebensverlängernde Wirkung des Medikaments bestätigten, raten die Studienautoren von der Monash-Universität in Melbourne von Verallgemeinerungen zunächst ab. Sie vermuten, dass sich die molekularen Muster für die Tumorentwicklung im höheren Alter von den zellulären und molekularen Signalwegen, die bislang für jüngere Krebspatienten beschrieben sind, unterscheiden könnten. Folgestudien sollen nun Einflussfaktoren über den Untersuchungszeitraum von 4,7 Jahren hinweg beschreiben.

Leichte, wenn auch nicht statistisch relevante Vorteile hatte die Aspirin-Gruppe in Hinblick auf schwere kardiovaskuläre Ereignisse (2). Jedoch kam es bei 361 Älteren unter Aspiringabe zu schweren Blutungskomplikationen insbesondere im Magen und im Hirn; unter Placebo waren mit 265 Fällen deutlich weniger Teilnehmer davon betroffen. Die Patienten überlebten ihre Erkrankungen mit und ohne Aspirin nahezu gleich lang ohne anhaltende körperliche Beeinträchtigung und ohne Demenz (3).

Diese ersten Ergebnisse helfen, die Rolle von Aspirin bei der Prävention von Erkrankungen bei älteren Erwachsenen im Detail zu klären, so das ASPREE-Team. Nach Einschätzung der Studienautoren sind dennoch viele Fragen unbeantwortet. Sie raten daher vor allem Älteren ab, Aspirin ohne Rücksprache mit dem Arzt zu konsumieren.


Zum Weiterlesen

(1) J.J. McNeil et al. (2018): Effect of Aspirin on All-Cause Mortality in the Healthy Elderly. In: The New England Journal of Medicine. Online-Vorveröffentlichung. Online unter https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1803955

(2) J.J. McNeil et al. (2018): Effect of Aspirin on Cardiovascular Events and Bleeding in the Healthy Elderly. In: The New England Journal of Medicine. Online-Vorveröffentlichung. Online unter https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1805819

(3) J.J. McNeil et al. (2018): Effect of Aspirin on Disability-free Survival in the Healthy Elderly. In: The New England Journal of Medicine. Online-Vorveröffentlichung. Online unter https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1800722

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