Psychische Belastungen als Risikofaktor für Krebs [163]

Psychische Belastungen können das Risiko an Krebs zu sterben erhöhen. Wissenschaftler errechneten jetzt aus britischen und schottischen Gesundheitsstatistiken, dass Angststörungen und Depressionen die Gefahr, an einer Tumorerkrankung zu sterben, spürbar vergrößern (1).

Besonders Speiseröhren-, Bauchspeicheldrüsen-, Dickdarm- und Prostatakrebs sowie Leukämie traten bei psychisch sehr hoch belasteten Erwachsenen zwei bis viermal häufiger auf als bei Personen in einer ausgeglichenen emotionalen Verfassung. Die Daten lassen noch keinen Rückschluss zu, ob der seelische Stress die Krebserkrankungen auch ausgelöst hat. Experten gehen nach wie vor davon aus, dass nicht ein Faktor allein, sondern mehrere im Verbund an dem komplexen Prozess beteiligt sind, infolge dessen sich Tumoren entwickeln. Psychische Komponenten beeinflussen diesen jedoch mehr, als bislang eingestanden.


Wissenschaftliche Details

Häufig begleiten andauernde Angst und Depressionen die Krebserkrankung. Inwieweit die Entwicklung von Tumoren durch hohe seelische Belastungen auch ausgelöst wird, ist weitestgehend ungeklärt.
Wissenschaftler der Universitäten von London, Edinburgh und Sydney haben jetzt Statistiken aus 13 britischen und 3 schottischen Gesundheitsbefragungen der Jahre 1994 bis 2008 neu ausgewertet, um den Einfluss von emotionalem Diss-Stress auf körperliche Erkrankungen näher zu beschreiben.

Datenbasis
In die Analysen flossen teils unveröffentlichte Daten von 163.363 Frauen und Männern im Alter von 16 bis 107 Jahren ein, die bei der Erstbefragung alle noch nicht an Krebs erkrankt waren. Sie enthielten Angaben zum Gesundheitszustand, zum gesundheitsrelevanten Lebensstil (Rauchen, Alkoholverbrauch, Bewegungsarten) sowie zum Grad der psychischen Belastung, die über einen Zeitraum von durchschnittlich 9,5 Jahren abgefragt wurden. Im Untersuchungszeitraum waren 16.267 der Befragten verstorben, 4.353 davon an einer Krebserkrankung. Etwa 7% hatten im GHQ12 Fragenkatalog zur psychischen Befindlichkeit einen erhöhten Stresslevel von über 7 von 12 möglichen Abstufungen beschrieben.

Zum Zusammenhang von psychischer Last und den Krebserkrankungen
Aus dem Abgleich der Tumorsterblichkeit mit dem Grad der psychischen Belastung ging hervor, dass mit dem lang andauernden und hohen Diss-Stress die Gefahr, später an einer Tumorerkrankung zu sterben, gewachsen war. Das Risiko, an Krebs jeder Art zu versterben, nahm durchschnittlich um 32 Prozent zu.

Differenziert nach Karzinomen einzelner Organe verteilte sich das Hazard Risiko (HR) nach hoher Stressbelastung unterschiedlich und wie folgt (1):

Karzinome Stressbelastung Hazard Ratio

Das Sterberisiko für Dickdarm- und Prostatakrebs nahm sogar schrittweise mit dem Grad der psychischen Belastung zu.

Lebensstil, Stress und das Tumorrisiko
Einflüsse wie Rauchen, Alkohol, Alter, Geschlecht, Gewicht usw. sind bei diesem Risiko mit Durchschnittsangaben herausgerechnet worden. Insofern sie in den Berechnungen mit berücksichtigt wurden, ergab sich ein widersprüchliches Bild. Depressionen und Angststörungen verstärken zum Teil ungesunde Lebensgewohnheiten wie Bewegungsarmut, falsche Ernährung, Rauchen etc., die sich dann wiederum auf die Anfälligkeit für Tumorerkrankungen ungünstig auswirken. Zudem sei es, so die Wissenschaftler, nicht ausgeschlossen, dass ein riskanter Lebensstil unabhängig sowohl zu einem erhöhten Risiko für Krebs als auch für Depressionen und Angststörungen beiträgt.

Mögliche biologische Abläufe zwischen einer kranken Psyche und Krebs

Psychische Faktoren könnten über verschiedene Mechanismen das Risiko für eine Krebserkrankung verstärken. Denkbar sei, so die Wissenschaftler, dass Diss-Stress die Funktionsweise der körpereigenen Helferzellen abschwächt, die Tumorzellen ansonsten erfolgreich abwehren oder sogar vernichten. Eine stressbedingte Dysregulation des Immunsystems könnte die Reparaturkapazität daran beteiligter Zellen beeinträchtigen, was potentiell zur genetischen Instabilität und zu Mutationen, zu Veränderungen in der DNA-Reparatur und zur Hemmung der Apoptose (programmierter Zell-Tod) beitrage. Auch verstärke der bei Depressionen und Angststörungen zu beobachtende, ansteigende Kortison Spiegel Entzündungsprozesse im Körper etc.

Der Forschungsstand erlaubt es derzeit nicht, den Zusammenhang zwischen hohen und lang andauernden psychischen Belastungen und der Entstehung von Tumorerkrankungen abschließend zu beurteilen. Studien zur Verbindung von psychischen und physischen Erkrankungen legen allerdings die Schlussfolgerung nahe, dass die Verknüpfung enger ist als bislang angenommen. Darauf weisen insbesondere auch Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Diss-Stress und der Häufigkeit von koronaren Herzkrankheiten und Schlaganfällen hin (2;3).


Zum Weiterlesen

(1) G.D. Batty et al. (2017): Psychological distress in relation to site specific cancer mortality: pooling of unpublished data from 16 prospective cohort studies. In:  British Medical Journal, Vol. 356. Online unter http://www.bmj.com/content/356/bmj.j108

(2) A. Steptoe et al. (2012): Stress and cardiovascular disease. In: Nature Reviews Cardiology, Vol. 9, Nr. 6, S. 360-70. Online unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22473079

(3) A. Pan et al. (2011): Depression and risk of stroke morbidity and mortality: a meta-analysis and systematic review. In: Journal of the American Medical Association, Vol. 306, Nr. 11, S. 1241-9. Online unter https://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/1104406?redirect=true

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