Neuer Gen-Expressionstest gibt Aufschluss über den Bedarf einer Chemotherapie bei Brustkrebs [251]

Über 50-jährige Frauen mit hormonsensitivem Brustkrebs im Frühstadium könnten nach neusten Erkenntnissen nur selten von einer Chemotherapie, die die Hormonbehandlung in der Regel ergänzt, profitieren. Vielen von ihnen könnte sie künftig möglicherweise erspart bleiben. Die Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie könnte durch den 21-Gen-Expressionstest erleichtert werden, berichtet jetzt das New England Journal of Medicine. Richtungsweisende Ergebnisse aus der „Trial assigning individualized options for treatment“ (TailorX)-Studie sind auf der Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASO) im Juli 2018 in Chicago vorgestellt worden (1).


Wissenschaftliche Details

TailorX, die bislang größte prospektive Studie zu Brustkrebs, nutzt den 21-Gen-Expressionstest (Oncotype DX®), um das Rückfallrisiko bei einem Hormonrezeptor-positiven, HER2-negativen Tumor ohne Lymphknotenbefall abzuschätzen. Dieser zeigt die Aktivität von insgesamt 21 Genen in Gewebeproben des Tumors an. Gleichzeitig erlaubt der Score Rückschlüsse auf den möglichen Nutzen einer Chemotherapie, welche ergänzend eingesetzt wird, um einen Rückfall zu unterbinden. So hatten Voruntersuchungen bei TailorX ergeben, dass bei einem niedrigen Risikowert (< 18) eine hormonelle Behandlung mit Tamoxifen ausreicht und auf eine zusätzliche Chemotherapie verzichtet werden kann. Bei einem hohen Risikowert (> 31) lag das Risiko für ein Wiederauftreten des Brustkrebses hingegen in einem kritischen Intervall, sodass eine Chemotherapie anzuraten war. Für Patientinnen mit einem mittleren Risikowert fiel die Entscheidung für oder wider einer Chemotherapie bislang in einem unsicheren Graubereich. Nunmehr liegen nach Ansicht der Experten ausreichende Testergebnisse zur sicheren Therapieentscheidung auch für diesen Kreis von Betroffenen vor.

6.711 Brustkrebspatientinnen mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit für ein erneutes Erkranken (Rezidiv-Score zwischen 11 und 25) sind in die aktuelle Untersuchung einbezogen worden. Die Betroffenen waren im Schnitt 55 Jahre alt. Alle erhielten eine Hormonbehandlung. Die Hälfte der Patientinnen, die per Los ausgewählt wurden, bekamen ergänzend noch eine Chemotherapie. Innerhalb von neun Jahren nach der Diagnose profitierten die Probandinnen von dieser zusätzlichen Behandlung nur geringfügig. Die Patientinnen aus beiden Gruppen überlebten nahezu gleich häufig und blieben auch fast gleich häufig krebsfrei, Fernmetastasen eingeschlossen. Lediglich jüngere Frauen unter 50 Jahren profitierten marginal von der ergänzend eingesetzten Chemotherapie.

Von diesem Befund ausgehend sprachen die Studienautoren eine altersabhängige Empfehlung für den Verzicht auf eine zusätzliche Chemotherapie zur Behandlung eines Hormonrezeptor-positiven Brustkrebses im Frühstadium ohne Lymphknotenbefall und ohne Rezeptoren für den Wachstumsfaktor HER2 aus. Demnach ist die Hormonbehandlung ergänzende Chemotherapie überflüssig bei

a) allen Betroffenen über 50 Jahren mit einem Risikowert für Rezidive zwischen 0 und 25 % sowie

b) allen Betroffenen bis zu einem Alter von 50 Jahren und einem Risikowert für Rezidive zwischen 0 und 15 %.

Die Genexpressionsdiagnostik könnte helfen, allein in Deutschland rund 22.000 Brustkrebspatientinnen die Chemotherapie zu ersparen (2).


Zum Weiterlesen

(1) J.A. Sparano et al. (2018): Adjuvant Chemotherapy Guided by a 21-Gene Expression Assay in Breast Cancer. In: The New England Journal of Medicine, Vol. 379, S. 1111-1121. Online unter https://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa1804710

(2) Sektivvertrag für Genexpressionsdiagnostik bei Brustkrebs geschlossen. In: Deutsches Ärzteblatt, 9. August 2017. Online unter https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/77521/Selektivvertrag-fuer-Genexpressionsdiagnostik-bei-Brustkrebs-geschlossen

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