Medikamente stören die Darmflora [237]

Gesundheit hängt unter anderem von der Vielfalt der Mikroorganismen ab, die den menschlichen Darm besiedeln. Doch gibt es verschiedene Stressoren, die eine intakte Mikrobenflora beeinträchtigen. Hierzu zählen eine einseitige Ernährung, schädliche Umwelteinflüsse und Medikamente. Neben Antibiotika können auch andere oft verwendete Medikamente wie Entzündungshemmer und Antipsychotika das Wachstum von nützlichen Darmbakterien hemmen (1).


Wissenschaftliche Details

Der menschliche Darm ist von Millionen Mikroorganismen besiedelt, die in ihrer Gesamtheit wie ein selbstständiges Organ den menschlichen Organismus beeinflussen. Dieses sogenannte Mikrobiom ist vielfältig und beinhaltet neben überwiegend Bakterien auch Archaeen (Urbakterien), Protisten (eukaryotische, ein- bis mehrzellige Lebewesen) sowie Pilze und Viren. Konnte sich in der sensiblen Entwicklungsphase der ersten 1.000 Lebenstage eine gesunde Mikrobenflora etablieren, so bleibt das gesunde Gleichgewicht der Mikroorganismen relativ stabil. Wird es allerdings durch extremen Stress (auch im Erwachsenenalter) gestört, so sind physische und psychische Erkrankungen die Folge (2).

Ein Stressfaktor für die Darmflora können u.a. unterschiedlichste Medikamente sein. Die Wirkung dieser auf das Gleichgewicht der im menschlichen Darm lebenden Mikroorganismen ist bislang offensichtlich unterschätzt worden. Ähnlich wie Antibiotika können auch andere gebräuchliche Mittel wie Metformin (Antidiabetikum), Protonenpumpeninhibitoren (Hemmung der Magensäureproduktion), nichtsteroidale Antiphlogistika (Schmerzmittel) oder atypische Antipsychotika (Behandlung von Psychosen) die nützliche Mikrobengemeinschaft stören.

Wissenschaftler vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg haben jetzt erstmals systematisch überprüft, in welcher Weise 1.197 Wirkstoffe aus zugelassenen Arzneimitteln das Wachstum von 40 repräsentativen Bakterienstämmen beeinflussen. Das Screening ergab einen überraschenden Befund. 203 Substanzen, die nicht gegen Infektionen eingesetzt werden, verzögerten das Gedeihen von mindestens einer nützlichen Spezies. 40 von ihnen behinderten sogar zehn oder mehr hilfreiche Bakterienarten in ihrer Funktion. Der Effekt war in etwa vergleichbar mit der ungünstigen Wirkung, die Antibiotika im Darm auslösen können. Nicht-antibiotischen Medikamente dürften demnach ebenso Antibiotikaresistenzen fördern, vermuteten die Studienautoren im Journal Nature (1).

Über das Zusammenspiel zwischen den unterschiedlichen Medikamenten und den im Darm lebenden Mikroorganismen ist nur wenig bekannt, zumal sich die Zusammensetzung der Mikrobenflora von Mensch zu Mensch unterscheidet. Doch trägt das Verständnis dieser Interaktionen immens dazu bei, besser zu verstehen, weshalb Menschen unterschiedlich auf ein und dieselbe Arznei reagieren. Es eröffnet vielversprechende Wege für personalisierte Arzneimitteltherapien und Präventionsempfehlungen.


Zum Weiterlesen

(1) L. Maier et al. (2018): Extensive impact of non-antibiotic drugs on human gut bacteria. In: Nature, Vol. 555, S. 623-628. Online unter https://www.nature.com/articles/nature25979.[1]

(2) Assmann-Stiftung für Prävention (2017): Traditionelle Mittelmeerküche mit günstigem Einfluss auf die menschliche Darmflora [183]. Online unter https://www.assmann-stiftung.de/traditionelle-mittelmeerkueche-mit-guenstigem-einfluss-auf-die-menschliche-darmflora-183/

 

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