Langes Stillen könnte gesunde Mütter vor einer Multiplen Sklerose schützen [192]

Gesunde Mütter, die ihre Kinder mehr als 15 Monate lang stillten, waren in einer kalifornischen Studie bis zur Hälfte weniger gefährdet, an Multipler Sklerose zu erkranken, als andere, die auf das Stillen verzichteten oder weniger als vier Monate stillten. Ebenso waren junge Frauen, deren Menarche (erste Menstruationsblutung) relativ spät, also nach ihren 15. Geburtstag einsetzte, häufiger vor Multipler Sklerose geschützt als Gleichaltrige, die mit 11 Jahren oder noch früher geschlechtsreif geworden sind. Hormonelle Verhütungsmittel, das Alter bei der ersten Entbindung und die Zahl der Schwangerschaften beeinflussten das Erkrankungsrisiko hingegen nicht. Wissenschaftler von der Stanford Universität vermuteten daher, dass weniger das Level der Sexualhormone, sondern eher das längere Ausbleiben des Eisprungs ein Faktor ist, der das Risiko für Multiple Sklerose mit beeinflussen kann (1).


Wissenschaftliche Details

Frauen, die an Multipler Sklerose erkrankt sind, erleiden während der Schwangerschaft und in der Stillzeit i.d.R. weniger Krankheitsschübe als im Anschluss daran. Häufig erfolgen die Schübe dann kurz vor dem Einsetzen der Menstruation, also in Abhängigkeit des Zyklus (2). Eine Pilotstudie zeigte, dass sich entzündungsspezifische Botenstoffe bei an Multipler Sklerose erkrankten Frauen nach der Schwangerschaft mit dem Einsetzen der Menstruation erhöhte (3). Dies könnte erklären, warum bei von Multipler Sklerose betroffenen Müttern, die teilweise oder auch ganz auf das Stillen verzichten, nach der Entbindung um ein Vielfaches wahrscheinlicher ist, dass sich ihr Gesundheitszustand sukzessive verschlechtert (2).

Wissenschaftler von der Standford Universität in Pasadena haben nun an diese Forschungsergebnisse aus Vorläuferstudien angeknüpft und untersucht, ob das Stillen auch an sich gesunde Frauen vor einer Erkrankung an Multipler Sklerose schützen kann (1). 397 Frauen, die an Multiple Skleroser oder einem Vorstadium davon (klinisch isoliertes Syndrom) erkrankt waren und 433 gesunde Gleichaltrige im Durchschnittsalter von 37 Jahren waren in die Untersuchung einbezogen. 85 der gesunden Frauen und lediglich 44 der Frauen mit Anzeichen einer Multiplen Sklerose hatten ihre Kinder 15 Monate oder länger gestillt.

Ein Datenabgleich, der neben den Stillzeiten auch die Zahl der Schwangerschaften, den Gebrauch von hormonellen Verhütungsmitteln und die Anzahl der geschlechtsreifen Lebensjahre (Zeitraum zwischen Menarche und Beginn der Menopause) beider Gruppen berücksichtigte, ergab einen eindeutigen gesundheitlichen Vorteil für Frauen, die ihre Kinder mehr als ein Jahr lang stillten.

Die Wissenschaftler errechneten für Mütter mit einer Stillzeit von 15 Monaten im Vergleich zu Müttern, die ihre Kinder entweder überhaupt nicht oder aber nur bis zu vier Monaten stillten, ein bis zu 47 % reduziertes Risiko an Multipler Sklerose bzw. deren Vorstufe, das klinisch isolierte Syndrom zu erkranken. Maßgeblich für die ermittelte Schutzwirkung scheint insbesondere das lange Ausbleiben der Menstruation zu sein.

Auch junge Frauen, die erst im Alter von 15 Jahren oder noch später geschlechtsreif wurden, profitierten in der Studie vom längeren Ausbleiben der Regelblutung. Bei ihnen war es um 44 % weniger wahrscheinlich, dass sie später an Multipler Sklerose oder an der Vorstufe erkrankten, als bei Gleichaltrigen, deren erste Regel schon im 11. Lebensjahr oder noch früher einsetzte.

Die verbleibende Gesamtzahl der geschlechtsreifen Jahre, hormonelle Verhütungsmittel, das Lebensalter bei der ersten Entbindung sowie die Zahl der geborenen Kinder beeinflussten das Erkrankungsrisiko hingegen nicht.

Aus der Sicht der Studienautoren fügt die Untersuchung der Liste der gesundheitsförderlichen Effekte des Stillens bei Müttern einen weiteren Aspekt hinzu. Die schützende Wirkung des Stillens ist bislang mit einem geringeren Risiko für Brustkrebs, Eierstockkrebs, Typ‑2‑Diabetes und Herzinfarkt in Verbindung gebracht worden. Zudem konzentrieren sich Forschungsansätze auch in Deutschland darauf, den Einfluss der Ernährungsweise auf die Prävention und auf die Behandlung von Multipler Sklerose zu entschlüsseln. Die seit 2016 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung an der Heinrich‑Heine‑Universität geförderten Professur für Umwelt- und Lebensstilfaktoren bei Multipler Sklerose und die im Juli 2017 gestartete Nutritional Approachs in Multiple Sclerosis (NAMS) – Studie an der Charité Universitätsmedizin Berlin sind nur zwei Aktivitäten in diese Richtung (4).


Zum Weiterlesen

(1) A. Langer-Gould et al. (2017): Breastfeeding, ovulatory years, and risk of multiple sclerosis. In: Neurology, Vol. 89, Nr. 6, S. 563-569. Online unter http://n.neurology.org/content/89/6/563.long

(2) K. Hellwig et al. (2015): Exclusive Breastfeeding and the Effect on Postpartum Multiple Sclerosis Relapses. In: Journal of the American Medical Associtation Neurology, Vol. 72, Nr. 10, S. 1132-1138. Online unter http://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/fullarticle/2429941

(3) A. Langer-Gould et al. (2010): Interferon-γ–Producing T Cells, Pregnancy, and Postpartum Relapses of Multiple Sclerosis. In: Archives of Neurology, Vol.  67, Nr. 1, S. 51-57. Online unter http://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/fullarticle/1033011

(4) Nutritional Approaches in Multiple Sclerosis (NAMS) – Studie. Informationen abrufbar über den Link http://www.neurocure.de/klinisches-zentrum/aktuelle-studien.html und die Mitteilung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung zur Einrichtung des Stiftungslehrstuhls, abrufbar über den Link http://www.ghst.de/ms-stiftungslehrstuhl/

 

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