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Lange Arbeitszeiten als Risikofaktor für Schlaganfall und koronare Herzkrankheiten [108]

Überlange Arbeitszeiten beeinflussen das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden und zudem eine koronare Herzkrankheit zu entwickeln, mehr als bislang angenommen. Zu dieser Einsicht gelangen Epidemiologen um Mika Kivimäki vom University College London im Kontext von zwei der umfangreichsten Metaanalysen, die je zu diesem Thema vorgelegt worden sind (1).

Daten von 603.838 Erwachsenen ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen und von 528.908 ohne Schlaganfallvorgeschichte aus europäischen, US-amerikanischen und australischen Kohorten wurden dafür ausgewertet. Die durchschnittliche Beobachtungszeit in den Studien betrug 8,5 bzw. 7,2 Jahre.

Die Analyse ergab, dass das insbesondere das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, signifikant proportional mit dem Zeitfenster wächst, in dem die normal übliche Arbeitszeit von 35 – 40 Arbeitsstunden pro Woche dauerhaft überschritten ist. Probanden, die sich wöchentlich bis zu 48 Stunden beruflich engagieren, sind einem um 10 Prozent höheren Schlaganfallrisiko ausgesetzt als ihre regulär beschäftigten Kollegen. Bei 49 bis 54 Wochenstunden beträgt der Unterschied schon 27 Prozent. Wer 55 Stunden oder mehr in der Woche für den Job aufwendet, hat um ein Drittel (33 Prozent) höheres Schlaganfallrisiko als die normal Tätigen. Etwas geringer, aber dennoch besorgniserregend wirken sich überlange Wochenarbeitszeiten auf die Gefahr für koronare Herzerkrankungen aus: Das Risiko von Probanden, die beruflich 55 Wochenstunden und mehr beschäftigt sind, liegt rund 13 Prozent höher als bei Personen mit einem Beruf in Regelarbeitszeit.

Die Verbindung zwischen überlangen Wochenarbeitszeiten und kardiovaskulärem Erkrankungsrisiko unterscheidet sich nach Ansicht der Wissenschaftler nicht zwischen Frauen und Männern, nicht zwischen den geografischen Regionen und nicht zwischen den sozialökonomischen Gruppen. Ebenso fällt das Ergebnis unabhängig von Risikoparametern der Probanden, wie etwa dem Alkoholkonsum, dem Raucherstatus und Bewegungsmangel sowie einem hohen Cholesterin- und Blutdruckwerten gleich hoch aus.

So bleibt es unklar, welche Mittler zwischen der Beanspruchung durch eine erhöhte Wochenarbeitszeit und dem damit verbundenen, erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen ursächlich wirken.

Das Journal The Lancet begleitet die Publikation der Forschungsergebnisse mit einer Presseerklärung (2). Der Autor, Urban Janlert von der Umeå Universität in Schweden, nimmt die Metaanalysen zum Anlass, um die Einhaltung der EU-Arbeitszeit-Direktive aus dem Jahr 2003 (2003/88/EC) einzufordern, die die zulässige Regelarbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche begrenzt. Nach Angaben der Organisation für Ökonomische Zusammenarbeit und Kooperation (OECD) arbeiten in der Türkei mit 43 Prozent die meisten Berufstätigen mehr als 50 Stunden pro Woche. Das Schlusslicht im Wochenarbeitszeitranking bildet die Niederlande, wo sich weniger als 1 Prozent für eine Fünfzigstundenwoche entscheiden. Im OECD-Durchschnitt arbeiten 12 Prozent der Männer und 5 Prozent so lange.

Die Problematik von gesundheitlichen Risiken durch lange Arbeitszeiten wird sich in Zukunft neu und verstärkt stellen, wenn sich infolge der Digitalisierung der Arbeitswelt die Grenzen zwischen privatem und beruflichem Leben immer mehr verwischen (3).

 

Zum Weiterlesen:

  1. M. Kivimäki et al. Long working hours and risk of coronary heart disease and stroke: a systematic review and meta-analysis of published and unpublished data for 603 838 individuals. The Lancet. Published Online: 19 August 2015. DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(15)60295-1
  2. U. Janlert. Working long hours linked to higher risk of stroke. The Lancet. Public Release: 19-Aug-2015. Abruf über den Link: http://www.eurekalert.org/pub_releases/2015-08/tl-tlw081815.php
  3. Vgl. dazu exemplarisch die Aufgabenstellung in der Fachkonferenz „Digitalisierung und Industrie 4.0 – Wie verändert sich unsere Arbeitswelt?“ (12.10.2015, Stuttgart). Das Programm ist abrufbar über http://www.isi.fraunhofer.de/isi-de/service/veranstaltungen/2015/2015-10-12-digitalisierung-industrie-4.0-arbeitswelt.php

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