Infektionen im frühen Kindesalter könnten die Gluten Unverträglichkeit begünstigen [190]

Magen-Darm-Infektionen im frühen Kindesalter können das Risiko, an Zöliakie zu erkranken, vergrößern. Dies fanden Wissenschaftler vom Institut für Diabetesforschung am Helmholtz Zentrum München heraus (1). Anhand anonymisierter Datensätze der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns hatten diese zurückverfolgt, welche Infektionen bei rund 300.000 zwischen 2005 bis 2007 geborenen Kindern im Verlaufe von achteinhalb Jahren aufgetreten sind. Zudem ist bei über 850 dieser Kinder eine Zöliakie (Gluten-Unverträglichkeit) dokumentiert worden. Die Analyse der Daten ergab einen Zusammenhang zwischen Infektionen im Magen-Darm-Trakt zum Beginn des Lebens und der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Zöliakie. So wuchs die Gefährdung für eine Gluten-Unverträglichkeit, wenn sich Magen-Darm-Infektionen insbesondere im ersten Lebensjahr häuften.


Wissenschaftliche Details

Die Zöliakie ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die auf der Unverträglichkeit von Gliadin, einer Untergruppe des Klebereiweiß Gluten, beruht. Bei den Betroffenen kommt zu es zu allergischen Reaktionen und einer fehlgeleiteten Immunantwort auf das in Weizen und anderen Getreidesorten enthaltene Gluten bzw. dessen Bestandteilen. Diese Immunreaktion kann Entzündungen und Gewebeschwund an der Dünndarmschleimhaut auslösen (2). Die Gluten-Unverträglichkeit äußert sich dann in einer gestörten Nährstoffaufnahme im Darm (Malabsorptionssyndrom), verbunden mit Durchfall, Gewichtsverlust, Wachstums- und Entwicklungsstörungen, Osteoporose und Anämie oder auch unspezifischen Bauchschmerzen.

Die Erkrankung tritt überwiegend schon im Kindesalter auf und besteht dann in der Regel ein Leben lang. Geschätzt 0,9 % aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind an Zöliakie erkrankt, im Anteil vergleichbar mit Westeuropa oder auch Nordamerika (3). Derzeit nehmen vor allem Diagnosen von Zöliakie im Erwachsenenalter zu. Als Grund hierfür gelten verbesserte Nachweismöglichkeiten für Auto-Antikörper aus dem Dünndarm einerseits und andererseits die Auswirkungen eines veränderten Ernährungsverhaltens und von psychosozialem Stress (2).

Der der Gluten-Unverträglichkeit zugrundeliegende Mechanismus ist noch nicht entschlüsselt. In letzter Zeit sind insbesondere neue Einsichten über den Einfluss von Infektionen bei der Entwicklung von Zöliakie gewonnen worden. So berichtete das renommierte Journal Science kürzlich über Darminfektionen mit TIL-Reoviren bei Labormäusen, die zunächst folgenlos blieben und erst dann Erkrankungen auslösten, als den Tieren gleichzeitig zu den Viren Gliadin verabreicht wurde (4). Würde sich diese Verbindung beim Menschen nachweisen lassen, dann wäre etwa die Einführung von Beikost mit Getreideanteilen eine sensible Phase, in der Virusinfektionen beim Kleinkind unbedingt vermieden werden sollten.

Den Zusammenhang zwischen Darminfektionen und Immunerkrankungen, wie etwa der Zöliakie, zu entschlüsseln, ist auch ein Forschungsansatz von Wissenschaftlern des Instituts für Diabetes-Forschung am Helmholtz-Forschungszentrum in München. Diese analysierten in einer Studie die ärztlich dokumentierte Infektionsbelastung bei 295.420 zwischen 2005 bis 2007 geborenen Kindern über einen Zeitraum von 8,5 Jahren hinweg. Anonymisierte Datensätze der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns bildeten die Grundlage der Untersuchung, bei welcher 853 Zöliakie-Fälle registriert worden sind. Dabei zeigte sich, dass die Gluten-Unverträglichkeit in Verbindung mit der Häufigkeit von Magen-Darm-Infektionen in den ersten Lebensjahren stand (1).

Die Wissenschaftler ermittelten für Kinder, die während der ersten zwölf Lebensmonate eine Magen-Darm-Infektion hatten, ein bis um 32 % höheres Risiko für eine Zöliakie in späteren Lebensphasen im Vergleich zu den Babys ohne ärztlich diagnostizierte Magen-Darm-Beschwerden. Auch Atemwegsinfektionen während des ersten Lebensjahrs wiesen, wenn auch in einem geringeren Umfang, auf ein höheres Risiko für eine Gluten-Unverträglichkeit hin. Je öfter die Infektionen im ersten Lebensjahr auftraten, umso mehr nahm die Gefährdung zu.

Die Wissenschaftler sind aufgrund dieser Analysen davon überzeugt, dass frühe Magen-Darm-Infektionen die Entwicklung einer Gluten-Unverträglichkeit mit beeinflussen. Rückschlüsse, ob eine veränderte Darmflora das Erkrankungsrisiko senken würde, erlaube der Forschungsstand allerdings noch nicht. Auch seien Schädigungen der Dünndarmwand weniger von einem spezifischen viralen oder bakteriellen Erreger verursacht, sondern eher durch dauerhafte Entzündung des Magen-Darm-Trakts im ersten Lebensjahr.


Zum Weiterlesen

(1) A. Beyerlein et al. (2014): Infections in early Life and development of celiac disease. In: American Journal of Epidemiology, Vol. 186, Nr. 11, S. 1277-1280. Online unter https://academic.oup.com/aje/article-lookup/doi/10.1093/aje/kwx190

(2) J. Felber et al. (2014): Ergebnisse einer S2k-Konsensuskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS) gemeinsam mit der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG) zur Zöliakie, Weizenallergie und Weizensensitivität. In: Zeitschrift für Gastroenterologie, Vol. 52, S. 711-743. Online unter http://www.dgvs.de/wissen-kompakt/leitlinien/leitlinien-der-dgvs/zoeliakie/.

(3) M.W. Laass et al. (2015): The prevalence of celiac disease in children and adolescents in Germany —results from the KiGGS study. In: Deutsches Ärzteblatt International, Vol. 112, S. 33-34.

(4) R. Bouziat et al. (2017): Reovirus Infection Triggers Inflammatory Responses to Dietary Antigens and Development of Celiac Disease. In: Science, Vol. 356 , Nr. 6333, S. 44-50. Online unter http://science.sciencemag.org/content/356/6333/44

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