Europäische Richtwerte für den Bluthochdruck [253]

Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) hat auf ihrem Kongress in München im August 2018 neue Leitlinien zur Behandlung des Bluthochdrucks bei Erwachsenen verabschiedet (1). Hypertonie ist demnach definiert ab einem Grenzwert von ≥ 140 mmHg für den systolischen und ≥ 90 mmHg für den diastolischen Blutdruck. Bei hochnormalen Blutdruckwerten zwischen 130 – 139 / 85 – 89 mmHg sind Lebensstiländerungen angeraten. Erst wenn diese nichts bewirken und der Blutdruck die Grenze von 140 / 90 mmHg übersteigt, sollen zusätzlich blutdrucksenkende Kombinationspräparate eingesetzt werden. In Abhängigkeit vom Alter, der körperlichen Verfassung und möglichen Organschäden schlägt die neue Leitlinie erstmals individuelle Zielwerte bei der Behandlung von Bluthochdruck vor.


Wissenschaftliche Details

Internationale Diskussionen um die Grenzwerte von Bluthochdruck

Die Richtwerte für den Behandlungsbedarf bei Bluthochdruck werden weltweit rege diskutiert und zum Teil auch unterschiedlich festgelegt. So haben US-amerikanische Fachgesellschaften wie das American College of Cardiology (ACC) und die American Heart Association (AHA) im November 2017 ihre Blutdruckgrenzwerte gesenkt (2). Als Hypertoniker und medikamentös behandlungsbedürftig wird in den USA seit diesem Zeitpunkt eingestuft, wer Blutdruckwerte ≥ 130 / 80 mmHg erreicht und zudem noch weitere Risikofaktoren für kardiovaskuläre Erkrankungen aufweist.

Anders lauten die neuen Empfehlungen der europäischen Gesellschaften für Hypertonie und Kardiologie (ESH/ESC), die jetzt anlässlich des Kongresses der European Society of Cardiology (ESC) in München publiziert worden sind (1). Die europäische Leitlinie hält an der herkömmlichen Einschätzung fest, dass Hypertonie erst bei Blutdruckwerten von ≥ 140 / 90 mmHg beginnt.

Lebensstilinterventionen und blutdrucksenkende Arzneimittel

Zur Bewertung des Blutdrucks sind von der ESC 6 Kategorien festgelegt worden (1).

Kategorie                             Systolisch (mmHg)                Diastolisch (mmHg)             
Optimal 120 und                 < 80
Normal 120 – 129 und / oder       80 – 84
Hochnormal 130 – 139 und / oder       85 – 89
Hypertonie Grad 1 140 – 159 und / oder       90 – 99
Hypertonie Grad 2 160 – 179 und / oder       100 – 109
Hypertonie Grad 3 ≥ 180 und / oder       ≥ 110

 

Da viele Studien auf ein anwachsendes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bereits ab einem Blutdruck von 130 / 80 mmHg hingewiesen haben, rät die europäische Leitlinie zu einer Absenkung der Werte schon im hochnormalen Bereich. Hierzu werden bewährte Lebensstiländerungen vorgeschlagen wie in erster Linie eine Gewichtsreduktion, eine gesunde und ausgewogene Ernährung, die Reduktion der Kochsalzzufuhr, eine ausreichende Kaliumversorgung, der Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum sowie ausreichend körperliche Aktivität. Kann damit der Blutdruckanstieg nicht gestoppt werden, kommen Arzneimittel zur Anwendung.

In der Regel sollen erst ab einem Schwellenwert von 140/90 mmHg blutdrucksenkende Medikamente eingesetzt werden. Zur Anwendung empfohlen wird von Anfang an eine Kombination verschiedener Wirkstoffe, zusammengesetzt etwa aus ACE-Hemmern oder Angiotensin-Rezeptor-Blockern (ARB) und Kalziumantagonisten oder Thiazid-Diuretika. Sowohl eine Zweifach- als auch eine Dreifachkombination sollen vorzugsweise in einer einzigen Tablette enthalten sein, auch um mit der sogenannten Polypille die Compliance der Patienten zu erhöhen.

Bei der Bestimmung des Blutdrucks kommt der ambulanten (z.B. 24-Stunden-) und häuslichen Blutdruckmessung im Vergleich zum Check-Up beim Arzt ein deutlich höherer Stellenwert zu als bislang praktiziert. Damit wird die Verantwortung des Patienten gestärkt und er nimmt aktiv an seiner Behandlung teil.

Bewertung des Bluthochdrucks in Abhängigkeit vom kalendarischen und biologischen Alter

Die europäischen Leitlinien sind für Erwachsene ab 18 Jahre konzipiert, also wird zur Klassifikation von Blutdruckwerten bei Jüngeren und Älteren zunächst dasselbe Schema zugrunde gelegt. Allerdings manifestiert sich Bluthochdruck in Abhängigkeit vom Lebensalter. So steigt das Risiko für Bluthochdruck in den 60ern um 60 % und in den 70ern noch einmal um circa weitere 10 % an. Doch das kalendarische Alter allein ist ein unzuverlässiger Indikator für die Bewertung von Bluthochdruck. Die gesundheitliche Konstitution unterscheidet sich bei Patienten im gleichen Lebensalter gravierend. Bluthochdruck tritt zumeist in Kombination mit weiteren gesundheitlichen Risikofaktoren, insbesondere für Herz- und Gefäßerkrankungen, auf. Auch können abhängig von der Dauer des Bluthochdrucks schon Schäden am Herzen und am Hirn, am Gefäßsystem und an den Nieren sowie an der Retina entstanden sein. Unter Einbeziehung all dieser Einflussgrößen kann ein 40 Jahre alter Patient mit einem hohen Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen biologisch gesehen gleich alt sein wie ein 60-jähriger Patient mit optimalen Werten. Bei Hochbetagten beeinflusst zusätzlich auch der Grad der Gebrechlichkeit, welche Wirkung blutdrucksenkende Medikamente haben.

Die europäische Leitlinie berücksichtigt das biologische Alter der Patienten stärker als bislang und lässt in Abhängigkeit vom Befund Spielraum für die Festlegung von individuellen Behandlungszielen. So sollen allen über 65-Jährigen blutdrucksenkende Maßnahmen angeboten werden, wenn ihr systolischer Blutdruck einen Wert von ≥ 160 mmHg erreicht. Auch die Behandlung eines niederen systolischen Bluthochdrucks zwischen 140 und 159 mmHg ist in dieser Altersgruppe, abhängig vom Gesundheitszustand, gerechtfertigt. Es wird empfohlen, den Blutdruck auf < 140/80 mmHg, jedoch nicht < 130 mmHg abzusenken. Einen ausführlichen Artikel zur Behandlung von Bluthochdruck Hochbetagter lesen Sie hier.

Die neuen ESC/ESH-Leitlinien für die Behandlung der arteriellen Hypertonie stärken insgesamt die Mitverantwortung der Patienten und ermuntern sie zur aktiven Mitwirkung, um ihre Blutdruckwerte zu verbessern.


Zum Weiterlesen

(1) B. Williams et al. 2018 ESC/ESH Guidelines for the management of arterial hypertension. In: European Heart Journal, Vol. 39, Nr. 33, S. 3021-3104. Online unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30165516

(2) P.K. Whelton et al. (2018): ACC/AHA/AAPA/ABC/ACPM/AGS/APhA/ASH/ASPC/NMA/PCNA guideline for the prevention, detection, evaluation, and management of high blood pressure in adults: a report of the American College of Cardiology/American Heart Association Task Force on Clinical Practice Guidelines. In: Hypertension, Vol. 71, Nr. 6, S. 1269-1324. Online-Vorveröffentlichung im November 2017. Online unter https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29133354

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