Aktives Beobachten als eine Option nach einer frühen Prostatakrebs-Diagnose [208]

Rund 64.000 Männer erhalten jährlich in Deutschland die Mitteilung, an Prostatakrebs erkrankt zu sein. Nicht alle haben danach unmittelbar mit einer tumorbedingten Einschränkung der Lebensqualität oder auch der Lebenserwartung zu rechnen (1). So hat der flächendeckende Einsatz verbesserter Früherkennungstechniken, wie beispielsweise der Prostata-spezifische Antigen (PSA)‑Test dazu geführt, dass Prostata-Karzinome immer häufiger schon in einem sehr frühen Stadium gefunden werden. Da Prostatakrebs in der Regel im höheren Lebensalter auftritt und zudem oft nur langsam wächst, stehen die betroffenen Männer vor der schwierigen Entscheidung, ob sie sich sofort nach der Diagnose operieren lassen oder den Tumor zunächst medizinisch überwachen lassen möchten. Eine jetzt im New England Journal of Medicine publizierte Studie ergab, dass chirurgische Eingriffe im Vergleich zur aktiven Beobachtung eines frühen Prostatakarzinoms nicht wesentlich mehr zur Verlängerung der Überlebenszeit beigetragen haben (2).


Wissenschaftliche Details

Rund jede vierte jährlich in Deutschland gestellte Krebsdiagnose betrifft die Prostata. Die Zahl der im Schnitt 69 Jährigen, die diese Mitteilung erhalten, übersteigt bei Weitem die Zahl derjenigen, bei denen Prostatakrebs zum Tode führt. Selbst Einschränkungen bei der Lebensführung sind nach der Diagnose nicht immer sofort zu erwarten. Im Alltag stehen die Betroffenen von langsam wachsenden, lokalen, nicht aggressiven Tumoren der Prostata vor der Frage, ob sie sich für eine Operation, die dann auch das Risiko für Impotenz und Inkontinenz erhöhen kann, entscheiden sollen oder für Alternativen. Die aktive Überwachung (Active Surveillance) ist hierfür eine anerkannte und in den Behandlungsleitlinien festgeschriebene Option, bei welcher u.a. mit halbjährigen PSA-Tests und jährlichen Biopsien zunächst beobachtet wird, ob der Tumor weiter wächst oder auch nicht (1).

Eine jetzt im New England Journal of Medicine publizierte Studie hinterfragt, ob die Prostatektomie, also das radikale Entfernen der Prostata, oder aber das aktive Überwachen von frühen Prostatakarzinomen die Sterblichkeit langfristig mehr vermindern kann. Bei 731 zufällig ausgewählten US-amerikanischen älteren Männern, die zwischen 1994 bis 2002 an Prostatakrebs erkrankten, wurde hierfür der Verlauf der Erkrankung bis 2010 dokumentiert und im Jahr 2014 erneut überprüft. Die Untersuchungsergebnisse erbrachten aus der Sicht der Wissenschaftler keine eindeutigen Vorteile für eine radikale Operation bei Prostatakrebs im frühen Stadium. 223 von 364 Männern, die sich für eine Operation entschieden hatten, und 245 von 367, die zunächst die Entwicklung des Tumors abwarteten, verstarben innerhalb einer Beobachtungszeit von 19,5 Jahren. Bei 27 operierten, verstorbenen Männern konnte der Tod der Prostataerkrankung zugeschrieben werden, 42 bei den abwartend Verstorbenen.

Allerdings waren Behandlungen aufgrund einer asymmetrischen Tumorentwicklung bei den Patienten, die sich zunächst für das Abwarten entschieden hatten, öfter erforderlich als bei den Befürwortern der Operation. Dafür führten die operativen Eingriffe erwartungsgemäß zu größeren tumorbezogenen oder behandlungsbedingten Einschränkungen in der Gestaltung des täglichen Lebens der Patienten als die aktive Tumorüberwachung. Harninkontinenz sowie erektile und sexuelle Dysfunktionen traten bei den operierten Männern häufiger auf, wurden jedoch auch, wenn auch in geringerem Maße, bei den zunächst abwartenden älteren Patienten registriert.

Die Ergebnisse der Nachuntersuchung bestätigten damit die Einschätzung, zu der Wissenschaftler des Centers for Chronic Disease Outcomes Research an der Universität von Minnesota, Minneapolis im Rahmen der Erstauswertung der Studie im Jahr 2012 gelangt waren (3).

US-amerikanische und deutsche Experten empfehlen allgemein gültige Aspekte einer gesunden Lebensführung, also regelmäßige körperliche Aktivität, eine überwiegende pflanzenbasierte Ernährung, die Gewichtsregulation sowie ein nur moderater Konsum von Alkohol, auch zur Primärprävention von Prostatakrebs (1).


Zum Weiterlesen

(1) S3-Leitlinie zur „Früherkennung, Diagnose und Therapie der verschiedenen Stadien des Prostatakarzinoms. Online unter http://leitlinienprogramm-onkologie.de/uploads/tx_sbdownloader/LL_Prostata_Langversion_4.0.pdf

(2) T.J. Wilt et al. (2017): Follow-up of Prostatectomy versus Observation for Early Prostate Cancer. In: The New England Journal of Medicine, Vol. 377, S. 132-142. Online unter http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa1615869

(3) T.J. Wilt et al. (2012): Radical prostatectomy versus observation for localized prostate cancer. In: The New England Journal of Medicine, Vol. 367, Nr. 3, S. 203-13. Online unter http://www.nejm.org/doi/10.1056/NEJMoa1113162?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori:rid:crossref.org&rfr_dat=cr_pub%3dwww.ncbi.nlm.nih.gov

Comments are closed.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Unsere Webseite nutzt Cookies. Wenn Sie auf dieser Webseite bleiben, nehmen wir an, dass Sie damit einverstanden sind. Sie können unsere Cookies löschen. Wie das geht, erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Schließen