Sozial isoliert lebende oder sich einsam fühlende Erwachsene neigen eher dazu, allzu früh zu versterben, als sozial gut integrierte Menschen. Armut und problematische Sozialstrukturen, ein von Alkohol, Nikotin und Bewegungsmangel geprägter Lebensstil und insbesondere depressiven Verstimmungen, die meist mit dem „sozialen Aus“ einhergehen, tragen hauptsächlich zu der verkürzten Lebenserwartung bei. Dabei wirkt sich der tatsächliche Mangel an Zugehörigkeit gravierender und anders ungünstig aus als der gefühlte Abstand zu anderen Menschen.

Wer etwa in der Mitte des Lebens kaum positive soziale Kontakte pflegen kann, ist einem um 74 % erhöhtem Risiko ausgesetzt, das 70. Lebensjahr nicht zu erreichen; wer sich umgeben von Menschen lediglich einsam fühlt, „nur“ bis zu 37 % mehr als Menschen mit hinreichenden Sozialbeziehungen. Männer sind nahezu gleich davon betroffen wie Frauen, erklären britische Wissenschaftler jetzt im Journal The Lancet (1). Programme, die die soziale Isolation oder auch die Einsamkeit lindern helfen, können ihrer Ansicht nach ein präventiv wirkungsvoller Ansatz sein, die Lebenserwartung allgemein zu verlängern und auch die Krebs- bzw. die Herz-Kreislaufsterblichkeit zu verringern.

Der Mangel an sozialer Bindung kann die Lebenserwartung verringern und die Anfälligkeit für chronische Erkrankungen vergrößern. Kürzlich belegten etwa Forschungen, dass sich bei Erwachsenen infolge realer oder auch gefühlter Isolation die Gefahr für einen Herzinfarkt oder für einen Schlaganfall um bis zu 30 %steigern kann (2). Ein ungewollt unzureichendes Sozialleben schadet der Herz- und Gefäßgesundheit damit ähnlich stark wie negativer Stress. Finnische und britische Wissenschaftler erörtern jetzt, inwieweit biologische, psychologische und sozioökonomischen Faktoren dazu beitragen, dass der mangelnden sozialen Interaktion oft chronische Erkrankungen und der frühe Tod folgen.

Sie stützen sich dabei auf Datentools aus der UK-Biodatenbank. Lebensstil- und Gesundheitsdaten von 466.901 Frauen und Männern im Alter zwischen 40 und 69 Jahren sind über fünf Jahre hinweg berücksichtig worden. Anhand von Fragebögen gelang es, 42.548 Probanden als sozial isoliert und 29.442 als einsam zu klassifizieren. Als sozial isoliert wurde angesehen, wer tatsächlich unzureichende Kontakte zu anderen hatte, als einsam galt, wer sich so fühlte, ungeachtet dessen, ob ein soziales Umfeld vorhanden war oder nicht (3).

Die sozial inaktiven Probanden wiesen im Schnitt eine geringere Lebenserwartung und eine höhere Anfälligkeit für chronische Erkrankungen als Aktivere, wobei sich der reale Mangel an Kontakten noch schädlicher auswirkte als die gefühlte Einsamkeit. So lag das Risiko, frühzeitig zu versterben, im Vergleich zu sozial Aktiveren für isolierte Personen um 74 % und für Einsame um 37 % höher. Dieses Muster wiederholte sich in etwa, als die spezifischen Ursachen für diese Sterblichkeit betrachtet worden sind. Isolierte Personen starben häufiger an Tumoren, an Herz-Kreislauferkrankungen sowie an Erkrankungen der Atmungs- und Verdauungssysteme als einsame, wobei letztere wiederum einem höheren ursachenspezifischen Sterberisiko ausgesetzt waren als sozial Integrierte. Zwei Drittel dieser bei sozial isolierten und einsamen Menschen beobachteten höheren Sterblichkeit konnte auf nachteilige sozioökonomischen Bedingungen (32-41 %), auf einen ungesunden Lebensstil (33-36 %) und auf ein nur geringes psychisches Wohlbefinden (31-37 %) zurückgeführt werden. Diese drei Faktoren beeinflussten die Sterblichkeit in Abhängigkeit davon, ob die soziale Isolation tatsächlich gegeben oder gefühlt war, unterschiedlich intensiv. So sind 35 % der Verbindung zwischen der frühen Sterblichkeit und der sozialen Isolation den Folgen einer fehlenden Ausbildung, dem geringen Haushaltseinkommen und unzureichenden Nachbarschaftskontakten zugeordnet. Diese Problematik nimmt insbesondere in Städten zu.

Bei einsamen Menschen fielen diese sozioökonomischen Faktoren mit 44 % noch stärker ins Gewicht. Auch traten bei ihnen depressive Verstimmungen häufiger auf als bei Personen mit geringen Sozialkontakten. Biologische Parameter, wie Übergewicht, Bluthochdruck oder ein kraftloser Händedruck spielten hingegen kaum eine Rolle, um das Wechselverhältnis von unzureichenden Sozialkontakten und früher Sterblichkeit zu erklären. Die Wissenschaftler sehen in der Aufhebung der sozialen Isolation und Einsamkeit einen entscheidenden Ansatzpunkt, die Lebenserwartung zu erhöhen.

Zum Weiterlesen

(1) M Elovainio et al. Contribution of risk factors to excess mortality in isolated and lonely individuals: an analysis of data from the UK Biobank cohort study. DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S2468-2667(17)30075-0

(2) NK Valtorta et al. Loneliness and social isolation as risk factors for coronary heart disease and stroke: systematic review and meta-analysis of longitudinal observational studies. Heart. 2016; 102: 1009–1016. Abrufbar über https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27091846?dopt=Abstract

(3) Zum Maß von Einsamkeit und sozialer Isolation vgl. NK Valtorta, Loneliness, social isolation and social relationships: what are we measuring? A novel framework for classifying and comparing tools. BMJ Open. 2016; 6: e010799. Zur problematischen Situation in der Stadt vgl. auch A Abbot. City living marks the brain. Nature 2011; 474: 429, abrufbar über http://www.nature.com/news/2011/220611/full/474429a.html