Folsäure kann in Kombination mit Blutdrucksenkern zur primären Prävention von Schlaganfällen bei Hypertonikern beitragen.

Dies ergaben Analysen aus dem China Stroke Primary Prevention Trial (CSPPT), einer randomisierten, doppelblinden klinischen Studie der Pekinger Universität, die jetzt im Journal of the American College of Cardiology 2015 vorgestellt worden sind (1).

An der Studie nahmen 20.702 Patienten mit arterieller Hypertonie teil. Sie waren älter als 45 Jahre und hatten bis zum Studienbeginn im Mai 2008 weder einen Schlaganfall noch einen Myokardinfarkt erlitten. In die Charakterisierung der Probanden flossen neben dem Alter, dem Geschlecht und dem Raucherstatus auch der Homocystein-Spiegel sowie die Folat- und die B-Vitamin-Ausgangswerte ein. Außerdem wurde mit der Bestimmung des MTHFR-C667TT -Genotyps bei allen untersucht, ob ein schwacher Folsäurestoffwechsel vorliegt bzw. ob Folsäuremangel angeboren ist.

Alle Probanden erhielten zur Behandlung ihres Bluthochdrucks Tabletten mit 10 mg Enalapril; diese bei der Hälfte (n = 10.348) von ihnen angereichert durch 0,8 mg Folsäure.

Da die Enalapril-Folsäure-Gruppe schon nach 48 Monaten Behandlung ein eindeutig geringeres Schlaganfallrisiko aufwies, ist die Studie im Juni 2013 frühzeitig abgebrochen worden.

Während im Beobachtungszeitraum 355 Studienteilnehmer, die nur den ACE-Hemmer Enalapril erhielten, einen Schlaganfall erlitten, waren es in der Gruppe, die Enalapril ergänzt mit  Folsäure bekamen, nur 282. Damit lag in der Enalapril-Folat-Gruppe das relative Risiko für einen Schlaganfall um 21% niedriger als in der Vergleichsgruppe. Diese  primärpräventive Wirkung zeigt sich vor allem im Rückgang der ischämischen Schlaganfälle infolge der Behandlung mit Enalapril und Folsäure kombiniert (2,2 Prozent) im Vergleich zu Enalapril allein (2,8 Prozent).

Der Einfluss von Folsäuregaben auf das Risiko von hämorrhagischen Schlaganfällen (HR, 0,93; 95% CI, 0,65-1,34) sowie auf die Gesamtsterberate (HR, 0,94; 95% CI, 0.81- 1.10) fiel dagegen nicht statistisch relevant aus.  Hinsichtlich der Nebenwirkungen unterschieden sich beide Behandlungsgruppen kaum.

Noch eindeutiger profitierten Patienten mit den niedrigsten Folsäure-Ausgangswerten im Blut von unter 5,6 ng/ml. Hier erlitten nur 2,8 Prozent in der Folsäurekombigruppe einen Schlaganfall im Vergleich zu 4,6 Prozent in der Kontrollgruppe mit alleiniger Enalapril-Behandlung (HR 0,61; 95% CI, 0,45-0,82). Auch für den MTHFR C677T-Genotyp ließ sich ein günstiger Einfluss der Folsäuregabe nachweisen.  Die Wissenschaftler um den Studienleiter Yong Huo gehen deshalb davon aus, dass Personen mit einem TT-Genotyp möglicherweise eine höhere Folsäuredosis benötigen, um den besonders niedrigen Folat-Level auszugleichen.

Die Studie gilt als erster Nachweis für das primärpräventive Potential von Folsäure bei der Minderung des Schlaganfallrisikos. Die Kommentatoren der Studie, Meir Stampfer und Walter Willet, Brigham and Women’s Hospital und Harvard Medical School in Boston, schließen nicht aus, dass die Folat-Schlaganfall-Prävention auch bei Menschen mit normalem Blutdruck möglich sei (2).

Ob sich die aus der Studie zu erwartenden, weitreichenden Impulse für die Primärprävention von Schlaganfällen weltweit durchsetzen, wird auch von regional spezifischen Nachfolgeuntersuchungen abhängen, die den Anteil von Folaten in der Nährstoffbilanz als Ausgangspunkt mit berücksichtigen.

In den rund 70 Ländern, und dazu zählen die USA, Kanada und Chile, werden seit Jahren Grundnahrungsmittel mit Folsäure angereichert, um Neuralrohrdefekte bei Neugeborenen vorzubeugen (3). Folsäuremangel ist dort aufgrund dieser Grundversorgung als kardiovaskulärer Risikofaktor bislang zwar diskutiert, aber weniger gewichtet worden. Anders dagegen in China, das wie Deutschland zu den Staaten gehört, in denen Folsäuremangel verbreitet ist und nicht durch Supplementierung ausgeglichen wird (4).

Die Frage, inwieweit sich die überzeugenden Ergebnisse in der Schlaganfallprävention mit Hilfe von Folsäure in China auf andere Länder übertragen lassen, tangiert die Problematik der spezifischen Bedingungen für die Nährstoffanreicherung als Ganzes.

 

Zum Weiterlesen:

  1. Y. Huo, Efficacy of Folic Acid Therapy in Primary Prevention of Stroke Among Adults With Hypertension in China The CSPPT Randomized Clinical Trial. JAMA. 2015; 313(13):1325-1335. Doi:10.1001/jama.2015.2274.
  2. M. Stampfer und W. Willett, Folate Supplements for Stroke Prevention Targeted Trial Trumps the Rest. JAMA. 2015; 313(13):1321-1322. Doi:10.1001/jama.2015.1961.
  3. Als Einstieg vgl. die Rezension im Deutschen Ärzteblatt. USA: Folsäure-Anreicherung verhindert jährlich 1.300 Neuralrohrdefekte. Abrufbar über den Link: http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/61499/USA-Folsaeure-Anreicherung-verhindert-jaehrlich-1-300-Neuralrohrdefekte?s=Fols%E4ure
  4. Zur Einordnung der im Jahr 2015 herabgesetzten Referenzwerte für die Versorgung mit Folaten in Deutschland, in Österreich und der Schweiz vgl. die Ausführungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), erreichbar über den Link: https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/folat/ und zur Bewertung des Nutzens und der Risiken von Mikronährstoffen vgl. Assmann-Stiftung für Prävention. Referenzwerte, Funktion, Mangelerscheinungen, Hauptquellen von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen (Angaben für Erwachsene im Alter von 19 bis 65 Jahre und älter). Abrufbar über den Link: https://www.assmann-stiftung.de/ernaehrung/vitamine-und-mineralstoffe/wissenswertes/