Zum Konzept der  individuellen Therapiesicherheit  bei der Gabe von Statinen, Tamoxifen und Clopidogrel

Die Wirksamkeit und die Verträglichkeit von Medikamenten hängen auch ab von der individuellen genetischen Disposition der Patienten. DNA-Tests noch vor Beginn der Therapie können helfen, eine Prognose zu erstellen, ob und wie ein Arzneistoff vertragen werden wird. Diese Tests bieten so potentiell Entscheidungshilfen für die Wahl einer auf den Stoffwechsel des Patienten individuell zugeschnittenen Therapie an.

Für ausgewählte Medikamente sind diese DNA-Schnelltests unter dem Slogan Therapiesicherheit jetzt in Apotheken für jedermann verfügbar. Es handelt sich dabei um diagnostische Tests für die Gabe von Tamoxifen zur Behandlung von Brustkrebserkrankungen, von Statinen zur Senkung eines erhöhten Cholesterinspiegels sowie von Clopidogrel zum Schutz bei erhöhtem Herzinfarkt- und Thromboserisiko. Der Hersteller, das Frankfurter Biotechnologieunternehmen humatrix AG, verspricht, dass die Tests mit einer individuellen Wirkstoffoptimierung letztendlich unerwünschte Nebenwirkungen ersparen. Dieser optimistische Anspruch auf Therapiesicherheit wird mit dem Argument der technischen Machbarkeit einer komprimierten Datenanalyse begründet. Umfangreiche Datenbanken, die prinzipielle Zusammenhänge zwischen Nuancen  im genetischen Profil und einem verändertem Arzneimittelstoffwechsel belegen, stünden mittlerweile zur Verfügung. Diese Informationen seien aber so komplex, dass Ärzte sie in ihrer Praxis kaum berücksichtigen. Nach Angaben der humatrix AG fassen die DNA-Schnelltests die Aussagen der Datenbanken handhabbar zusammen und würden so eine Lücke zwischen den Erkenntnissen der molekularen Medizin und ihrer klinischen Anwendung schließen. Unterstützt von Experten der Universität Frankfurt sieht sich so die humatrix AG auf dem besten Weg zu einer auf die Belange des Einzelpatienten zugeschnittenen, personalisierten Medizin (1).

Perspektiven und Risiken sind im Konzept einer wissenschaftlich fundierten, personalisierten Medizin, das 2010 im Journal New England Journal of Medicine publizierte wurde, beschrieben (2). Eine pragmatische Position nimmt dazu die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA ein: Sie stellt im Zusammenhang mit den prädiktiven Tests schlicht regulatorische Unsicherheiten fest: Letztlich könne die Prognose der DNA-Tests nur so gut sein wie es die analytische und klinische Validität der Tests zulässt. Die Fehlerquote sei nur schwer definierbar, die Möglichkeit von Fehldiagnosen und Behandlungsfehlern sei nicht ausgeschlossen. Zu beantworten seien etwa auch Fragen nach der Evidenz von klinischen Studien bei sehr kleinen Fallzahlen, nach der Zuverlässigkeit von Softwareanalysen und nach der Patientenpräferenz in der Arzt-Patientenbeziehung. In erster Konsequenz fordert die FDA eine Post-Markt-Überwachung der Tests zumindest nach den für Medizinprodukte geltenden Normen (3).

In Deutschland hat im März 2013 der Gesprächskreis „Gezielt vorsorgen und Arzneimittelnebenwirkungen vermeiden“ der „Plattform Personalisierte Medizin“ Testempfehlungen zur Prävention von Arzneimittelnebenwirkungen diskutiert. Diagnostische und prädiktive Tests sollten demnach Angaben des Evidenzgrades entsprechend der Klassifizierung der Verfahrensordnung des Gemeinsamen Bundesausschusses sowie Handlungsoptionen für Vorsorge und ärztliche Behandlung sowie für den persönlichen Lebensstil enthalten. Zudem liegen wissenschaftlich begründete, allgemeine Leitlinien zur Einführung pharmakogenetischer Tests in die ärztliche Praxis vor. Im Rahmen dieser Normen wurden auch für die Arzneimittel Tamoxifen, Simvastatin und Clopidogel spezifizierte Genotypisierungen vorab empfohlen. Bezüge zu den in klinischen Studien bislang bekannten Wirkungs- und Nebenwirkungsprofilen und zur Bewertung der gewählten Varianten in der Genotypisierung sind dabei explizit ausgewiesen (4).

Dennoch bleiben die von der FDA benannten regulatorischen Unsicherheiten als wissenschaftliche, juristische und ethische Herausforderung für den öffentlichen Diskurs auch in Deutschland bestehen (5).

Quellen

  1. www.humatrix.de/therapiesicherheit/
  2. Margaret A. Hamburg, M.D. and Francis S. Collins, M.D., Ph.D.: Perspective The Path to Personalized Medicine. In: N Engl J Med 2010; 363:301-304July 22, 2010DOI: 10.1056/NEJMp1006304
  3. exemplarisch: www.fda.gov/NewsEvents/Testimony/ucm219925.htm und www.genomicslawreport.com
  4. www.pmstiftung.eu/genotyp-basierte-phaenotyp-adjustierte-arzneimitteltherapie.html
  5. www.g-ba.de/downloads/62-492-667/VerfO_2012-12-06.pdf
  6. exemplarisch: www.bmbf.de/pub/BMBF_Aktionsplan_IndiMed.pdf