Der Start in das neue Jahrtausend ist mit guten Vorsätzen auch auf höchster politischer Ebene begleitet worden. 191 UN-Mitgliedsstaaten haben sich gemeinsam in einer Milllenniumserklärung (1) verpflichtet, national und international bis zum Jahr 2015 acht Themenbereiche primär zu fördern:
die Beseitigung von extremer Armut und Hunger, das Angebot einer Grundschulausbildung für alle, die Förderung der Gleichstellung für Frauen, die Senkung der Kindersterblichkeit und die Verbesserung der Müttergesundheit, die Bekämpfung von AIDS und Malaria, die Gewährleistung einer nachhaltigen Umwelt und die Etablierung einer globalen Partnerschaft im Dienst der Entwicklungshilfe. Expertenpanels prüfen derzeit, ob und wie diese Millenniums-Ziele (MDGs) erreicht werden können, um Empfehlungen für die internationale Politik nach dem Jahr 2015 zu begründen (2).

Die Zeitschrift The Lancet veröffentlicht in diesem Kontext jetzt Statistiken aus dem  Projekt The Global Burden of Disease (GBD) (3) zur Entwicklung der Sterblichkeit von Neugeborenen, Säuglingen sowie Klein- und Vorschulkindern in 188 Ländern der Erde (4).

Die Datenanalyse zeigt einen positiven Trend: Kindersterblichkeit ist über einen Zeitraum von 1970 bis 2013 hinweg insgesamt um 48 % und in den meisten Ländern beschleunigt seit der Jahrtausendwende gesunken. Insgesamt verstarben im Jahr 2013 6,3 Millionen Kinder weltweit vor ihren fünften Geburtstag, im Jahr 1990 waren es mit 12,2 Millionen noch fast doppelt so viele.

Die GBD-Autoren führen diesen günstigen Effekt vor allem auch auf Impulse der UN-Millenniumskampagne zurück, die ihre Teilnehmerstaaten im Millenniumsziel MDG 4 verpflichtet, die Sterblichkeit von unter Fünfjährigen im Zeitraum von 1991 bis 2015 um zwei Drittel, d.h. von 10,6 % auf 3,5 % zu senken (5).

Würde sich die Minderung der Kindersterblichkeit nach dem Jahr 2015 im gleichen Tempo wie jetzt fortsetzen, so könnte die Zahl bis zum Jahr 2030 auf 3,8 Millionen weltweit weiter sinken. Der Fokus in der Analyse der Statistiken richtet daher auf beeinflussbare Faktoren, die wesentlich dazu beitragen, die Überlebenschancen der Kinder zu vergrößern. Um entsprechende Prognosen zu formulieren, werden in der GBD-Studie die Sterberaten mit dem Pro-Kopf-Einkommen, dem Grad der mütterlichen Bildung sowie den spezifischen Innovationen in der Gesundheitsfürsorge für Kinder (secular trends) je Land abgeglichen.

Wie erwartet, unterscheiden sich die so gewonnenen Diagramme von Land zu Land gravierend.

Die geringsten Überlebenschancen haben Kinder in afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Mehr als jedes zehnte Neugeborene, das in Guinea-Bissau, Mali, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Nigeria, Sierra Leone, der Demokratischen Republik Kongo, Niger, Somalia und in Äquatorialguinea geboren ist, wird voraussichtlich seinen 5. Geburtstag nicht mehr erleben. Im Land mit der höchsten Kindersterblichkeit, d.h. Guinea – Bissau starben z.B. im Jahr 2013 150 von 1.000 Kindern.

Das Land mit der niedrigsten Rate weltweit ist mit zwei Todesfällen pro 1.000 unter Fünfjährigen Singapur. In Deutschland entfallen durchschnittlich 3,6 Sterbefälle auf 1.000 Kinder, d.h. weniger als im Vergleich zu Westeuropa (3,9).

Zwei Drittel des globalen Rückgangs der Kindersterblichkeit werden auf Maßnahmen in und für nur neun Staaten zurückgeführt, darunter die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Erde, Indien und China, sowie Äthiopien, Bangladesh, Indonesien, Pakistan, Brasilien, Afghanistan und Nigeria.

Eine Zunahme des Pro-Kopf-Einkommens und des mütterlichen Bildungsniveaus sind  mit der Verringerung der Kindersterblichkeit maßgeblich assoziiert. Die Autoren der GBD-Studie errechneten, dass steigendes Einkommen zu über 900.000 weniger Todesfällen weltweit bei Kindern beitragen hat. Und mit jedem zusätzlichen Schuljahr, das die Mütter absolvieren, ist die Kindersterblichkeit um mehr als 8 % gesunken.

Schlüsselfaktoren sind jedoch spezifische, der Kindergesundheit entsprechende Innovationen in Medizin und Gesundheitswesen.

Die Forscher schätzen ein, dass dank neuer Medikamente und Impfstoffe sowie durch Reformen im nationalen Gesundheitswesen bis zu 4,2 Millionen unter Fünfjährige vor dem frühen Tod gerettet werden konnten. Zu den hilfreichen gesundheitspolitischen Maßnahmen gehören etwa neben der Erhöhung der Landesetats für Kindergesundheit  auch die Einführung und Aktualisierung medizinischer Leitlinien sowie die Erweiterung der Programme zur Prävention und Bekämpfung von Erkrankungen durch HIV, durch Rotaviren und durch Pneumokokken.

Die Experten gehen davon aus, dass Kindersterblichkeit sozialökonomisch und medizinisch multifaktoriell bedingt ist und längst nicht alle Einflussfaktoren in ihrem regionalen Zusammenhang erkannt und beschrieben sind.

Laut einem Gutachten der UNICEF (6) führt mit 17 % am häufigsten Lungenentzündung zum frühen Tod. Es folgen anteilig Komplikationen bei einer Frühgeburt (15%) und während der Geburt (15%), Durchfallerkrankungen (9%) sowie Malaria (7%). Knapp 50 % aller schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den unter Fünfjährigen sind bedingt durch Mangelernährung.

Eine Gesundheitspolitik, die die regionalen Lebensumstände der Kinder und ihrer Mütter berücksichtigt, kann helfen, das Leben von Kindern zu retten. Die Autoren der GBD-Studie empfehlen dafür konkret Maßnahmen zur Minderung von Unterernährung und deren Folgen, wie z.B. Anämien durch den Einsatz von Mikronährstoffen und Kalzium (7).

Hilfestellungen für Schwangere und Mütter, etwa durch Prävention von Malaria und Übergewicht, und die Gewährleistung von Fachgeburtsassistenzen vor Ort können ebenso dazu beitragen, allen Neugeborenen die Perspektive auf ein langes Leben zu ermöglichen (8). Die WHO befürwortet daher eine Allianz zur Stärkung der Kinder- und Müttergesundheit (9)

Zur weiterer Information:

(1)  Zur Einordnung der Millenniumserklärung und der Millenniumsziele vgl: http://www.bmz.de/de/service/glossar/M/millenniumserklaerung.html

(2)  Einen  Ansatz zur wissenschaftlich begründeten Prognosen verfolgt das Copenhagen Consensus Projekt: Dazu http://www.assmann-stiftung.de/intelligente-investitionen-die-gesundheitsvorsorge-68/

(3)  Das Projekt Global Burden of Disease (GBD) erstellt Statistiken zur Verteilung von Todesfällen, Krankheiten, Behinderungen und Risikofaktoren, gegliedert nach Regionen und Bevölkerungsgruppen. Ziel der Studien ist es, Prognosen zu ermöglichen, die zu einer Verbesserung der Gesundheit weltweit beitragen. Zum Einstieg: http://www.who.int/topics/global_burden_of_disease/en/

(4)  Haidong Wang et al.
Global, regional, and national levels of neonatal, infant, and  under-5 mortality during 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013
The Lancet, Published online May 2, 2014 http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)60497-9

(5)  Länderspezifische Maßnahmen bis zum Jahr 2013 sind aufgelistet in: http://www.un.org/millenniumgoals/pdf/Goal_4_fs.pdf.

(6)  http://www.unicef.org/lac/Committing_to_Child_Survival_APR_9_Sept_2013.pdf

(7)  Sharp decline in maternal and child deaths globally, new data show. Zugänglich über http://www.healthmetricsandevaluation.org/

(8)  Die Problematik der Müttergesundheit  wird erörtert von
Nicholas J Kassebaum et al.
Global, regional, and national levels and causes of maternal mortality during 1990–2013: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2013
The Lancet, Published online May 2, 2014 http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)60696-6 . Eine kurze Zusammenfassung der Studienergebnisse bietet die Anmerkung Nummer (6).

(9)  http://www.who.int/mediacentre/news/releases/2014/maternal-mortality/en/