Fettstoffwechselstörungen, Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall werden gemeinhin zu den unausweichlichen Folgen des Übergewichts gezählt.  Klassische Empfehlungen zur Gewichtsreduktion, wie etwa fettarme und ballastreiche Ernährung und regelmäßige Bewegung sollen helfen, diese Folgen zu mindern.

Das international beachtete Tübinger Lebensstil-Interventions-Programm (Tulip) geht von diesem Ansatz aus. Über einen Zeitraum von 10 Jahren optimierten 400 aus einer Gruppe von 2.000 Prädiabetikern ausgewählten Probanden ihren Lebensstil entsprechend.

Doch aller Vorhersagen zum Trotz profitieren ein Viertel der Teilnehmer nicht von der Gewichtsreduktion. Obgleich sich diese Personen fettärmer und ballaststoffreicher ernähren, sich mehr bewegen und an Gewicht verlieren, bleibt ihr Stoffwechsel gestört.

Mehr noch, knapp ein Drittel der Teilnehmer gehört zu einer Gruppe, deren Stoffwechsel gesund ist und die demzufolge nicht zwangsläufig mit schwerwiegenden Folgeerscheinungen des Übergewichts zu rechnen haben.

Die Ursachen für diese sog. Lifestyle-Nonresponsibility findet die aktuelle Forschung weniger im Bauchfett, sondern im Grad der Empfindlichkeit von Leber und Gehirn, auf Insulin zu reagieren. Sobald Leberzellen verfettet sind, und dies kann bei übergewichtigen wie normalgewichtigen Personen gleichermaßen der Fall sein, werde insbesondere vermehrt das Eiweiß Fetuin A gebildet, das als Botenstoff die Signalübertragung durch Insulin hemme.

Schon in der „European Prospektive Investigation into Cancer and Nutrion“ – Studie mit mehr als 27.000 Teilnehmern wurde beobachtet, dass ein überdurchschnittlich erhöhter Fetuin A Wert das Risiko für einen Typ 2-Diabetes um 75% erhöht. Das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, wuchs um das  3,3 bzw. 3,8 fache an. Die individuell unterschiedliche Empfindlichkeit für Insulinreize im Gehirn entscheide wiederum, wie das Verlangen nach Sättigung oder Bewegung verarbeitet wird. Bekannt ist ebenso ein genetisches Muster für die Lifestyle-Nonresponsibility.

Die graduelle Insulinempfindlichkeit lässt sich präventiv beeinflussen, wenn die Maßnahmen individuell angepasst werden.  Eine Prävention von Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes wird also umso wirksamer sein, je mehr sie individuelle Parameter berücksichtigt.

Zum Weiterlesen

  1. M. Lenzen-Schulte, Die falsche Botschaft des Body-Mass-Index, FAZ Nr. 201, 29.08.2012, N2
  2. www.tulip-studie.de