Leichtes Übergewicht bildet keinen Schutzwall gegen den frühen Tod.
Vor zwei Jahren schien es auch in der Forschung ausgemacht, dass leichtes Übergewicht (v.a. im hohen Alter) die Lebenserwartung positiv beeinflusst. Ein Erklärungsansatz zu dieser Datenlage war, dass die zusätzlichen Pfunde bei Erkrankungen als Energiereserven zur Verfügung stehen.
Während die breite Öffentlichkeit diese Einschätzung mit Wohlwollen zur Kenntnis nahm, begann in der Fachwelt eine rege Diskussion um das Für und Wider von Übergewicht.
Vor allem regionale Studien widersprachen der Überzeugung, dass Körperfülle zu einem langen, gesunden Leben beitrage.
Jetzt ist im Journal The Lancet eine überraschend simple Erklärung für die anscheinend gegenteiligen Positionen publiziert worden.
Die Raucher machen den Unterschied in der Statistik aus, denn der Tabakkonsum vermindert in der Regel das Körpergewicht und beeinflusst mit, ob gesunde Übergewichtige eine gute oder eine eher weniger gute Prognose für ihre Lebenserwartung erhalten.
Wenn, wie nun an der Universität Cambridge, lediglich die Daten der Nichtraucher berücksichtigt werden, um den Zusammenhang zwischen dem Gewicht und dem Sterberisiko abzuschätzen, dann wird offensichtlich, dass sich schon leichtes Übergewicht und auch leichtes Untergewicht ungünstig auswirkt.
Abweichungen vom Normalgewicht könnten die Lebenserwartung also viel stärker verkürzen, als bislang angenommen, erwartet und akzeptiert.

Die Verbindung zwischen der Sterblichkeit und dem Übergewicht bzw. dem Untergewicht ist nach einer neuen, im Journal The Lancet vorgestellten, Untersuchung viel enger als bislang  angenommen (1).
Schon moderate Abweichungen vom Normalgewicht wirken sich negativ auf die Lebenserwartung aus.
Die Studienautoren von der Universität Cambridge grenzen sich mit  diesem Ergebnis nachdrücklich von der Position ihrer Kollegen ab, die vor zwei Jahren publizierten, dass leichtes Übergewicht dazu beitragen kann, die individuelle Lebensspanne zu verlängern (2).
Zur gegenteiligen Position führte die erneute Auswertung schon bekannter Daten unter einem anderen, fast simpel anmutenden Gesichtspunkt.
Wenn Raucher ebenso wie chronisch Erkrankte in der Regel, so die Wissenschaftler, an Körpergewicht verlieren, so sollte eine Analyse, die lediglich gesunde Nichtraucher berücksichtigt, eine unverfälschtere Prognose zur Verbindung zwischen dem Körpergewicht und dem frühen Tod ergeben.
Gestützt auf den bislang größten Datensatz von 189 Studien mit insgesamt 3.951.455 gesunden Nichtrauchern aus Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland sowie aus Ostasien ergab die Überprüfung der  Vermutung ein klares Ergebnis:
Übergewicht und Fettleibigkeit erhöhten ebenso wie Untergewicht kontinuierlich und mit jeden Kilo abweichend vom Normalgewicht mehr das Risiko, vorzeitig zu versterben.
Am risikoärmsten lebte, wer einen Body-Maß-Index (BMI), also das Verhältnis von Körpergewicht und Körperlänge zum Quadrat, zwischen 20 kg/m² und 25 kg/m² beibehielt. Je 5 kg/m² Abweichung vom normalen Body-Maß-Index nach oben stiegt das Sterberisiko um ein rund Drittel an. Danach hatten beispielsweise krankhaft Übergewichtige der Stufe II (BMI ≥ 35 bis < 40 kg/ m²) ein rund doppelt so hohes Sterberisiko wie normalgewichtige.
Das Sterberisiko für magere Menschen erhöhte sich schon bei einem BMI-Wert zwischen 18,5 kg/m² und 20 kg/m², also in einem Bereich, den die Weltgesundheitsorganisation noch dem Normalgewicht zuordnet. Ab einem BMI-Wert von weniger als 18,5 kg/m² bis 15 kg/m² stieg das Sterberisiko auf das Dreifache an.
Jüngere Menschen waren mehr betroffen als Ältere, Männer mehr als Frauen, Einwohner von Europa und Ostasien mehrt als Bewohner von Nordamerika und Australien oder Neuseeland.
Würden, so die Studienautoren, alle diese Menschen normal wiegen, dann könnte ungefähr jeder fünfte vorzeitige Todesfall in Nordamerika, jeder sechste in Australien und Neuseeland, jeder siebte in Europa und jeder 20. in Ostasien vermieden werden.
Die Hochrechnungen gelten als aussagekräftig, weil sie aus der bislang umfangreichsten medizinischen Studie zum Zusammenhang zwischen dem Körpergewicht und dem Sterberisiko hervorgehen.

Kommentatoren nehmen die Analyse aus Cambridge zum Anlass, um sich für eine engagierte Fortsetzung der Diskussion um den Aussagewert des Körpergewichtes einzusetzen (3). Der Body-Maß-Index ist dabei nach wie vor umstritten, da er weder den Anteil an Körperfett noch an Muskelmasse am Gewicht eines Menschen einschließt.  Auch wird wieder die Frage aktuell, ob es hilfreich und sinnvoll ist, ethnische und regional spezifische Abgrenzungen zwischen BMI-Graden zu erstellen (4).

Zum Weiterlesen:

  1. The Global BMI Mortality Collaboration. Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents. Lancet. 2016 Jul 13. Volltext über http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736(16)30175-1.pdf
  2. KM Flegal, BK Kit, H Orpana and BI Graubard. Association of all-cause mortality with overweight and obesity using standard body mass index categories: a systematic review and meta-analysis. JAMA. 2013 Jan 2; 309(1):71-82. doi: 10.1001/jama.2012.113905. Zugang über http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23280227?dopt=Abstract
  3. D Berrigan, RP Troiano and BI Graubard. BMI and mortality: the limits of epidemiological evidence The Lancet. Published Online: 13 July 2016. Zugang über http://www.thelancet.com/pdfs/journals/lancet/PIIS0140-6736(16)30949-7.pdf
  4. Zur Problematik der regionalen Verteilung von Über- und Untergewicht vgl. Assmann-Stiftung für Prävention. Gute Gründe, sich mit der aktuellen Verteilung von deutlichem Übergewicht und von deutlichem Untergewicht in der Welt sich zu beschäftigen. Zugang über den Link: https://www.assmann-stiftung.de/gute-gruende-sich-mit-der-aktuellen-verteilung-von-deutlichem-uebergewicht-und-von-deutlichem-untergewicht-in-der-welt-zu-beschaeftigen-132/