Ein Zusammenhang zwischen Körpergewicht und dem Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall ist seit langem bekannt. Daneben sind weitere Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall umfassend beschrieben worden (z.B. LDL-Cholesterin und Blutdruck). Da aber auch Zusammenhänge zwischen dem Körpergewicht und den genannten Risikofaktoren selbst gesichert sind, ergibt sich eine Fragestellung, die nur auf den ersten Blick theoretisch erscheint:

Ist das Körpergewicht ein unabhängiger Risikofaktor oder beschreiben die sog. „Mediatoren“ wie z.B. Blutdruck, Cholesterin und Blutglukose ausreichend das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko?

In der Praxis ergibt sich für Patienten und Mediziner daraus die konkrete Frage:

Ist (zur Senkung des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos) die Behandlung des Übergewichts effektiver als die Behandlung der einzelnen Risikofaktoren wie z.B. Blutdruck, Cholesterin und Blutglukose?

 Eine kürzlich im Lancet veröffentlichte Auswertung der Global Burden of Risk Factors Collaboration liefert hierzu erste Einblicke (1). Die Ergebnisse beziehen sich auf 97 prospektive Kohortenstudien, u.a. der PROCAM-Studie in Deutschland (2), und Daten von mehr als 1,8 Millionen Studienteilnehmern über alle Kontinente hinweg. Im Verlaufe des Untersuchungszeitraumes zwischen 1948 und 2005 erlitten aus dem Teilnehmerkreis 57.161 einen Herzinfarkt und 31.093 ursprünglich gesunde Probanden einen Schlaganfall.

Die Studie zeigt, dass der negative Effekt eines erhöhten Gewichts auf das Herzinfarktrisiko ungefähr zur Hälfte durch Blutdruck, Blutglukose und Cholesterin erklärt wird und für das Schlaganfallrisiko zu ca. drei Vierteln.

Dies variierte jedoch erheblich in Abhängigkeit vom Ausmaß des erhöhten Gewichts: Bei  Übergewicht (BMI ≥ 25 bis < 30 kg/m2) erklären die genannten Risikofaktoren ca. 50% des Risikos für Herzinfarkt und 98% des Risikos für Schlaganfall, bei Adipositas/Fettsucht (BMI ≥ 30 kg/m2) erklären sie 44% des Risikos für Herzinfarkt und 69% des Risikos für Schlaganfall.

Die Ergebnisse werden von den Autoren dahingehend interpretiert, dass eine Gewichtsreduktion deutlich effektiver wäre als eine Behandlung der einzelnen Risikofaktoren. In der Praxis muss jedoch berücksichtigt werden, dass Behandlungsoptionen für diese Risikofaktoren zum Großteil bessere Therapieerfolge zeigen als Programme zur Gewichtsreduktion.

Da offenbar nicht der gesamte Zusammenhang von Gewicht und kardiovaskulärem Risiko durch Blutdruck, Blutglukose und Cholesterin erklärt wird, schlagen die Autoren weitere Mechanismen vor: So könnte Übergewicht/Fettsucht auch zusätzlich durch endotheliale Dysfunktionen, Anstieg thrombogener Faktoren, erhöhte sympathische Aktivität oder systemische Entzündungsprozesse auf das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko wirken.

Besonders eindrucksvoll ist das Studienergebnis insofern, als dass bei Übergewichtigen (BMI ≥ 25 bis < 30 kg/m2) das Schlaganfallrisiko vollständig durch die Risikofaktoren Blutdruck, Cholesterin und Glukose erklärt wird. Dies sollte übergewichtigen Personen zur Gewichtsreduktion motivieren.

 

Literatur:

(1)  Metabolic mediators of the effects of body-mass index, overweight, and obesity on coronary heart disease and stroke: a pooled analysis of 97 prospective cohorts with 1·8 million participants. The Global Burden of Metabolic Risk Factors for Chronic Diseases Collaboration (BMI Mediated Effects).
In: The Lancet, Early Online Publication, 22 November 2013 doi:10.1016/S0140-6736(13)61836-X.

(2)  www.assmann-stiftung.de/procam-studie