Neue Ergebnisse aus der KiGGS-Studie

Die bundesweit repräsentative Untersuchung des Robert Koch-Instituts zur gesundheitlichen Lage von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) zeigt mit den ersten Ergebnissen aus der Nacherhebung ein optimistisch stimmendes Bild:
Die überwiegende Mehrheit  in allen  Altersgruppen zwischen 0 – 17 Jahren kann sich über eine gute bis sehr gute Gesundheit freuen. Gesundheitliche Belastungen entstehen vorzugsweise aus allergischen Erkrankungen wie  Heuschnupfen, Neurodermitis oder Asthma und durch Folgen von Unfällen im häuslichen Umfeld.  Abhängig vom sozioökonomischen Lebensumfeld sind Kinder und Jugendliche in Deutschland allerdings zunehmend unterschiedlich stark von langfristigen gesundheitlichen Risiken betroffen. Hieraus ergeben sich besondere Ansatzpunkte für die Gesundheitsvorsorge, zumal die soziale Herkunft der Kinder maßgeblich und nachhaltig die Gesundheit im Erwachsenenalter beeinflusst.

Daten aus sieben Themenkreisen von KiGGS bieten konkrete Ansatzpunkte, wie mit Hilfe von präventiven Maßnahmen die gesundheitliche Lage der jetzt jungen Generation verbessert werden kann (1).

Sport und Spiel

Mehr als drei Viertel aller 3- bis 17Jährigen treiben Sport und spielen bis zum Alter von 10 Jahren regelmäßig im Freien. Schon 60 Prozent der Vorschulkinder üben ihren Sport in Vereinen aus, bei den Grundschülern sind es sogar zwei Drittel. Diese sportlichen Aktivitäten beeinflussen Körpergewicht, Skelett und Muskelsystem günstig und schützen vor Erkrankungen im Erwachsenenalter.

Vor allem Mädchen aus sozial benachteiligten Familien sind in ihrer Freizeit weniger sportlich aktiv und dadurch im Nachteil. Programme zur Bewegungsförderung müssen daher, so KiGGS, künftig noch mehr auf die Bedürfnisse der Zielgruppen zugeschnitten sein. Niedrigere Kosten für Kursangebote in Wohnortnähe wären ein erster Schritt. Ebenso sollten in Angeboten für eine präventiven Bewegungsförderung stärker als bislang individuelle Vorlieben für eine Sportart berücksichtigt sein. Jungen aller Altersgruppen bevorzugen nach wie vor Fußball und schon 14 Prozent der 11- bis 17jährigen Mädchen betreiben diesen Sport gern. Grundschüler wählen immer häufiger auch Kampfsportarten wie z.B. Judo oder Karate aus.

Unfälle und Verletzungen

Unfallverletzungen treten bei Kindern und Jugendlichen nach wie vor häufig auf. Knapp 16 Prozent  der 1- bis 17jährigen müssen einmal im Jahr unfallbedingt ärztlich behandelt werden.  Mit 280.000 Klinikeinweisungen in Deutschland jährlich, etwa wegen einer Gehirnerschütterung oder wegen Knochenbrüchen an Armen und Beinen, gehören Unfallfolgen zu  den häufigsten Gründen für eine Behandlung im Krankenhaus.
Die Zahl der schwersten tödlichen Unfälle nimmt dagegen seit vielen Jahren ab. Kamen noch im Jahr 2001 497 Jungen und Mädchen von 0 – 14 Jahren durch eine Unfallverletzung ums Leben, waren es im Jahr 2011 244. Bei den Jugendlichen zwischen 15 bis 19 Jahren sank die Zahl von 954 auf 417, also um mehr als die Hälfte. Ebenso rückläufig ist das Verletzungsrisiko auf öffentlichen Verkehrswegen, das nunmehr bei 12 Prozent liegt.

Umgekehrt birgt das häusliche Umfeld ein zunehmend höheres Gefahrenpotential. Knapp 44 Prozent aller behandlungsbedürftigen Verletzungen, bei den 1 – bis 2Jährigen sogar 85 Prozent, gehen auf einen Hausunfall zurück. Achtsames Handeln zuhause in vertrauter Umgebung bietet, so KiGGS, eine Fülle von Ansatzpunkten in der Unfallprävention.

Art und Häufigkeit der kindlichen Verletzungen werden mitbestimmt durch die motorische Reife, d.i. der Grad der Entwicklung von Bewegungssicherheit und Koordination. Als Indikator der motorischen Reife gilt die Schwimmfähigkeit. Die heute 11- bis 17jährigen haben das Schwimmen mit sechseinhalb Jahren gelernt, sozial besser Gestellte bereits früher, sozial Benachteiligte dagegen deutlich später. Ein Teil der Grundschüler kann noch nicht schwimmen.

Alkohol- und Tabakkonsum, Risikoreiches Essverhalten

Die Zahl der 11- bis 17Jährigen, die aktuell rauchen, ist im Vergleich zum Beginn der KiGGS – Datenauswertung im Jahr 2006 um knapp 10 Prozent auf anteilig 11,9 Prozent bei Mädchen und auf 12,1 Prozent bei Jungen gesunken.

Der Anteil der Jugendlichen, die bereits Alkohol konsumieren, steigt mit zunehmenden  Alter sprunghaft an. Das Rauschtrinken spielt ab dem 14. Lebensjahr eine wichtige Rolle. 24,0 Prozent der 17-jährigen Mädchen und 41,1 Prozent der 17-jährigen Jungen beteiligen sich an Alkoholexzessen.

Nur noch die Hälfte der Jugendlichen frühstückt regelmäßig zu Hause. Obst und Gemüse werden nur in geringem Maße verzehrt.

Trinken, Rauchen und Fehlernährung gehören zu den wichtigsten gesundheitlichen Risikofaktoren.

Impfungen gegen HPV-Viren

Die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV) dient der Vorbeugung einer Entwicklung von Gebärmutterhalskrebs in späteren Jahren. KiGGS1 nennt erstmals bundesweite Zahlen zum Impfstatus: 53 Prozent der 14- bis 17 jährigen Mädchen sind mindestens einmal und 40 % dreimal, also vollständig, gegen HPV geimpft. Mädchen mit hohem Sozialstatus – die im Schnitt später zum ersten Mal Geschlechtsverkehr haben und auch später erstmals zum Frauenarzt gehen – lassen sich seltener impfen als sozial schwächere Gleichaltrige. Auch fällt die Impfquote in Ostdeutschland höher aus als in Westdeutschland, wohl weil in der ostdeutschen Gesellschaft Impfprogramme traditionell stärker verankert waren.

Allergien

Fast ein Sechstel (16%) aller Kinder und Jugendlichen sind mindestens von einer allergischen Erkrankung betroffen, Jungen mit 17 Prozent sogar etwas mehr als Mädchen. Neun Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 0 – 17 Jahren leiden unter Heuschnupfen, 6 Prozent unter Neurodermitis und vier Prozent unter Asthma.

Seit den 70ger Jahren nehmen Allergien sprunghaft zu. Derzeit pendelt sich die Zahl der Allergiefälle in Deutschland wie in den meisten westlichen Industriestaaten und einigen Ländern Südamerikas auf einem hohen und konstanten Niveau ein.

Veränderte Lebensbedingungen und Umweltfaktoren gelten als Hauptverursacher dieser Entwicklung. Erhöhte Pollenbelastung, vermehrte Umweltchemikalien, veränderte Ernährungsgewohnheiten und modifizierte Erkrankungsverläufe bei Infektionen wirken sich ungünstig aus. Ebenso kann eine allzu sterile Umgebung im Kleinkindalter Allergien befördern..

Ein bewusst häufiger Kontakt mit an sich harmlosen Mikroorganismen in frühen Jahren, z.B. herbeigeführt durch Aufenthalte auf dem Bauernhof, durch das Spielen mit älteren Geschwistern und durch den Besuch von Kindertagesstätten hilft, die Reaktionsbereitschaft des Immunsystems zu stärken.

Medien und Computer

Die meisten 11- bis 17jährigen verbringen vor dem Bildschirm einen beträchtlichen Teil ihrer Freizeit. So verwenden 65 Prozent der Jugendlichen mehr als zwei, 34 Prozent mehr als vier und 15 Prozent sogar mehr als sechs Stunden Zeit für PC, Fernsehen und Video. Fernsehen spielt dabei nach wie vor eine führende Rolle, Spielkonsolen eine etwas geringere. Intensivnutzer der Medien sind vor allem unter den Jungen zu finden, während Mädchen öfter zum Handy greifen.

Sozial benachteiligte Mädchen und Jungen verbringen mehr Zeit mit elektronischen Medien als sozial besser gestellte Gleichaltrige.

Gesundheitliche Risikofaktoren und soziale Unterschiede

Bei akuten Erkrankungen, etwa bei Atemwegs- und Magen-Darm-Infektionen, finden sich laut  KiGGS nur marginale Unterschiede zwischen sozial besser und  schlechter gestellten Kindern. Allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen und Neurodermitis treten in gut situierten Familien öfter auf.

Deutliche soziale Unterschiede werden bei den langfristig wirkenden gesundheitlichen Risikofaktoren beobachtet.

Frauen aus sozial schwachen Kreisen rauchen überdurchschnittlich häufig während der Schwangerschaft und setzen damit ihre Kinder einem höheren Risiko aus, an Asthma zu erkranken. Sozial benachteiligte Kinder leiden öfter an krankhaftem Übergewicht und seinen Folgeschäden wie dem Typ 2 – Diabetes oder an Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

KiGGS bemisst den Sozialstatus der Kinder am Nettoeinkommen, am Bildungsstand und am beruflichen Hintergrund der Eltern und merkt zugleich an, dass der Zusammenhang zwischen dem sozialen und gesundheitlichen Status nicht auf die Einkommensverhältnisse reduziert werden sollte. Zum einen können die durch ein geringes Einkommen begrenzten Entwicklungschancen teilweise durch eine gute Bildung der Eltern erweitert werden. Bildung führt meist zu einem ausgeprägten Gesundheitsbewusstsein. Zum anderen werden sozial ungünstige Startbedingungen ins Leben teils durch Prävention und Gesundheitsförderung ausgeglichen, wenn diese so frühzeitig wie möglich einsetzen und dauerhaft angeboten werden.

Über die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

KiGGS ist Bestandteil des langfristigen Gesundheitsmonitorings des Robert Koch – Institutes (2) und gilt international als eine der repräsentativsten Studien dieser Art. Zwischen 2003 und 2006 wurden erstmals Gesundheitsdaten  zum körperlichen, psychischen und sozialen Befinden von 17.641 Kindern und Jugendlichen im Alter von 0 – 17 Jahren gesammelt und umfassend analysiert. Sechs Jahre danach, zwischen 2009 und 2012, sind diese Basisdaten durch telefonische Befragungen aktualisiert worden.

Die Auswertung der so gewonnen Ergebnisse dauert noch an; dieser Beitrag kann lediglich nur einen Teil der neu gewonnenen Einsichten vorstellen. Zeitgleich ist eine zweite Datenaktualisierung mit Hilfe von telefonischen Befragungen gestartet worden. Weitere, mit dem Terminus Welle umschriebene, Datenerneuerungen sind geplant.

Die Bundesregierung leitet aus den KiGGS-Analysen Handlungsempfehlungen für die Förderung der Kinder- und Jugendgesundheit unmittelbar ab. So wird der Zeitpunkt  des Inkrafttretens des geplanten Präventionsgesetzes im direkten Zusammenhang mit den Datenanalysen aus KiGGS gesehen (3).

Zum Weiterlesen:

(1)  Die Statistiken im Detail enthält die Broschüre vom Robert Koch- Institut (2013). Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.
Abrufbar unter: www.kiggs-studie.de/fileadmin/KiGGS…/kiggs_tn_broschuere_web.pd

(2)  http://www.kiggs-studie.de/ und http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Kiggs/kiggs_node.html

(3)  Vgl. Gesundheitsförderung und Prävention: Kommt das Gesetz in diesem Jahr? Im Deutschen Ärzteblatt 2014/05/11. Abrufbar unter:
http://www.aerzteblatt.de/archiv/159645/Gesundheitsfoerderung-und-Praevention-Kommt-das-Gesetz-in-diesem-Jahr?s=Pr%E4vention