Adipositas nimmt weltweit zu. Nach Angaben der OECD  zählt jeder zweite Bürger in den OECD-Ländern zu den Übergewichtigen und jeder Sechste zu den Adipösen.  Auch Kinder sind besonders betroffen – jedes dritte Kind gilt als übergewichtig (1). Veränderte Lebens- und Essgewohnheiten, ein zunehmendes Nahrungsangebot  und nachlassende körperliche Aktivität zählen zu den Ursachen.

Krankhaftes Übergewicht im Kleinkind- und Vorschulalter stellt die Weichen für Adipositas in der Jugend und im Erwachsenenleben. Es gilt als Mittler für viele schwere chronische Leiden wie Typ 2-Diabetes, Darmkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall und Lebererkrankungen (2). Je früher präventive Maßnahmen in der Kindheit einsetzen, um eine anomale Gewichtszunahme zu begrenzen, umso höher ist die Chance auf ein künftig gesundes und langes Leben.

Die Suche nach wirksamen Modellen zur Vermeidung  von krankhaftem Übergewicht in der frühen Kindheit beschäftigt Mediziner wie Gesundheitspolitiker gleichermaßen (3).  So wird derzeit aus dem Europäischen Forschungsfond die länderübergreifende Pilotstudie ToyBox finanziert, um ein evidenzbasiertes Adipositas-Präventionsprogramm für Kinder im Alter zwischen 4 und 6 Jahren zu entwickeln (4). Das Programm soll ein auf alle europäischen Staaten übertragbares Muster für Prävention enthalten und im Detail Maßnahmen aufzeigen, wie eine Gewichtsreduktion im Vorschulalter wirksam erreicht werden kann.

Schwerpunkte des ToyBox-Projektes sind die

  • Identifizierung von Schlüsselverhalten und Faktoren, die im Zusammenhang mit Adipositas im frühen Kindesalter stehen;
  • Evaluierung von existierenden Verhaltensmodellen und Erziehungsstrategien, die Verhaltensveränderungen in dieser Altersgruppe am bewährtesten fördern;
  • Bewertung von Lebensumständen, Strategien und Gesetzen, die die Implementierung von gesundheitsfördernden Maßnahmen im Vorschulalter betreffen;
  • Entwicklung von Maßnahmen, die Kinder im Vorschulalter einbeziehen und Familien involvieren, um Einfluss auf die Adipositas bezogenen Verhaltensweisen bei 4 – 6 Jährigen zu nehmen;
  • Durchführung des Präventionsprogrammes in 6 europäischen Ländern unter Berücksichtigung der kulturellen und sozialen Vielfalt;
  • Bewertung des Verlaufs der Implementierung des Programms, seiner Auswirkungen und Resultate unter Abschätzung der Rentabilität;
  • Verbreitung der Ergebnisse und Empfehlungen für die europäische Gesundheitspolitik.

Das ToyBox-Vorhaben ist zunächst für die Zeit von 2010 bis 2014 konzipiert und wird von einem Expertenteam aus 11 europäischen Ländern begleitet (5). Das Kernstück des Projektes bilden die zwischen Oktober 2012 und April 2013 geführten, randomisierten Pilot-Cluster-kontrollierten Studien mit rund 5.000 Kindern aus 271 Kindergärten in Belgien, Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Spanien und Polen Deren Datenanalyse stützt sich auf Fragebögen sowie auf  anthropometrische Messungen der Eigenschaften der Kinder (Größe, Gewicht, Taillenumfang) und ihrer körperliche Aktivität (Schrittzähler).

Obgleich die Auswertungen im Projekt noch andauern, sind erste Ergebnisse aus der ToyBox-Forschung  in einem high-level Workshop Toybox-study final symposium: The future of research on childhood obesity im April 2014 in Brüssel hochrangigen Forschern und Klinikern, EU-Beamten und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen vorab vorgestellt  worden (6).

Die ToyBox-Statistik enthält neue Angaben zur durchschnittlichen prozentualen und regionale Verteilung der Adipositas-Fälle bei Vorschulkindern in Deutschland, Belgien, Polen, Bulgarien, Spanien und Griechenland (7). Deutschland erreicht gegenwärtig mit einem Anteil von 8,0% übergewichtigen und  mit 1,9% adipösen Vorschulkindern den günstigsten Gesamtwert von 9,9%. Am ungünstigsten schneidet Griechenland mit einem Anteil von 14,0% übergewichtigen und 5,7% adipösen Kindern ab. Belgien (9,5 und 2,1 %), Polen (10,4 und 2,4 %), Bulgarien (11,0 und 4,2 %), Spanien (11,9 und 4,1 %) liegen anteilig dazwischen.

Dennoch stimmen die Resultate der ToyBox-Studie optimistisch:  Die entwickelten Präventionsmaßnahmen führen zu einer moderaten Reduktion des Körpergewichts und zur Absenkung der Häufigkeit von Adipositas bei den Vorschulkindern. Diese günstige Entwicklung ist von den Faktoren Veränderung im Ernährungsverhalten, Erhöhung der körperlichen Aktivität und Reduzierung der im Sitzen verbrachten Zeit sowie Unterstützung durch das häusliche Umfeld und im Kindergarten maßgeblich mitbestimmt worden.

Zu Verbesserungen im Ernährungsverhalten haben das regelmäßige und ausreichende Wassertrinken von 0,8 bis 1 Liter täglich (ca. 5 – 6 Gläser Wasser) und gesunde Zwischenmahlzeiten (Snacks) am Vormittag und am Nachmittag beigetragen. Durch 2 – 3 Stunden Bewegung täglich ist die körperliche Aktivität der Vorschulkinder bis auf 10.000 Schritt gesteigert worden. Gleichzeitig konnte die im Sitzen verbrachte Zeit vor dem Fernseher und vor Computerspielen begrenzt werden.

Die so erreichte Änderung in der Kindergartenroutine (Wasser trinken, gesunde  Snacks, mehr Bewegung und weniger Sitzzeit) ist im Alltag des häuslichen Umfeldes fortgeführt worden. Je motivierter die Eltern, desto erfolgreicher waren die Kinder bei der Gewichtsreduktion. ToyBox hat Material (Newsletter, Tippkarten und Poster) speziell zur Unterstützung der Eltern zur Hause entworfen (4).

Kinder aus Familien mit geringem Einkommen litten zu Studienbeginn häufiger an Übergewicht und Adipositas als gut situierte. Die Nachteile beim Start konnten im Verlaufe der Studie etwas ausgeglichen werden.

Die Kosten-Nutzen-Analyse ergab, dass Präventivmaßnahmen unter dem Strich kostengünstiger sind als die Behandlung von Adipositas bedingten Folgeerkrankungen.

Prävention von Adipositas bei Vorschulkindern ist möglich – dieses Fazit zogen Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker aus dem ToyBox-Vorhaben.

Das Projekt dient den Workshop-Teilnehmern zudem als Vorlage, um Indikatoren für den Erfolg präventivmedizinischer Forschung in der Zukunft zu erschließen.  Aus dem Studiendesign wird deutlich, dass die Parameter für Adipositas-Prävention in einer kontrollierten Studie nicht alle Faktoren berücksichtigen (können), die zu einer Gewichtsreduzierung beitragen. Zusätzlich zum Status von Ernährung und körperlicher Fitness sollte künftig auch der Bildungsstand und die psychosozialen Verhaltensmuster stärker mit bewertet werden. Ebenso sind Einflussgrößen aus dem Lebensraum der Kinder, d.i. aus dem Wohnumfeld, aus dem Einzelhandel, aus den Medien, aus der Produktewerbung etc., obgleich schwer kontrollierbar und messbar, dennoch für die Analyse einer Wirksamkeit von Prävention von Belang. Der Workshop sprach sich in Empfehlungen für den Standard künftiger präventivmedizinischer  Forschung für Konsortien auf regionaler Ebene aus. Die Interessen der Akteure im direkten und indirekten Lebensumfeld der Kinder , also die Eltern und Großeltern, die Lehrer und Schulbetreuer, Lebensmittellieferanten, Architekten, Designer, Bürgergruppen, lokale Behörden etc. sollen dadurch zum Kindeswohl gebündelt werden (6).

Zum Weiterlesen:

(1)  OECD (2013), “Übergewicht und Fettleibigkeit”, in: Die OECD in Zahlen und Fakten 2011-2012: Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft OECD Publishing. DOI :10.1787/9789264090118-de. Abrufbar über http://www.oecd.org/berlin/publikationen/oecd-factbook.htm

(2)  Assmann-Stiftung für Prävention. Übergewicht als Risikofaktor von Krankheiten. Vgl. http://www.assmann-stiftung.de/uebergewicht/. Abgerufen am 21.05.2014

(3)  Europäische Kommission. (2014) EU-Aktionsplan zur Fettleibigkeit von 2014 bis 2020. Abrufbar unter: http://www.bmg.gv.at/cms/home/attachments/7/2/1/CH1435/CMS1394444939022/eu_action_plan_on_childhood_obesity_2014.pdf

(4)  www.toybox-study.eu

(5)  Zu den beteiligten Institutionen gehört aus Deutschland die Ludwig-Maximilians-Universität München und der AOK – Verlag. Vgl. die Angaben in (4)

(6)  Obesity prevention in children in pre-school years: Policies and evidence Report of a high-level workshop held in Brussels, 11 April 2014. Abrufbar über http://www.worldobesity.org/site_media/uploads/Obesity_Prevention_in_Preschool_Children.pdf

(7)  Die Berechnungen beruhen auf den Cut-off-Kriterien, mit BMI gemessen.
Als Übergewicht und Fettleibigkeit gilt ein übermäßig hohes Gewicht, das auf Grund des prozentual hohen Fettanteils im Körper mit Gesundheitsrisiken verbunden ist. Die am häufigsten verwendete Messgröße von Übergewicht und Fettleibigkeit stützt sich auf den Körpermassenindex (Body Mass Index – BMI), bei dem es sich um eine Zahl handelt, mit der das Gewicht einer Person im Verhältnis zur Körpergröße gemessen wird (Gewicht/Größe2, wobei das Gewicht in Kilogramm und die Körpergröße in Metern ausgedrückt wird). Laut Klassifizierung der WHO gelten erwachsene Personen mit einem BMI zwischen 25 und 30 als übergewichtig und Personen mit einem BMI von über 30 als adipös.

Beispiel für die Berechnung eines BMI von einer Person mit einem Gewicht von 75 Kilogramm und einer Körpergröße von 1,80 Meter:
75 kg : (1,80 m x 1,80 m) = 23 kg/m2

Für Kinder und Jugendliche gelten die Angaben entsprechend Tabelle: http://www.bzga-kinderuebergewicht.de/adipo_mtp/pdf/body-mass.pdf