Demenzen als degenerative Hirnerkrankungen sind die wohl größte demographische Herausforderung. Deren Häufigkeit verdoppelt sich im Alter über 65 Jahre alle fünf Jahre. Mit der Zunahme der Lebenserwartung wächst auch die Zahl älterer Menschen, die Hirnleistungsstörungen erleiden. In Deutschland erkranken fast 300.000 Menschen jährlich neu an Demenzen. Bislang sind keine Medikamente gefunden, die die Krankheit vermeiden oder stoppen. Wenn diesem Trend nicht Einhalt geboten wird, könnte sich die Zahl der Betroffenen von heute 1,4 Millionen bis zum Jahr 2050 verdoppeln (1). Weltweit wird alle 4 Sekunden eine Demenz diagnostiziert. Es werden primär degenerative Demenzen bedingt durch das Absterben von Hirnzellen (Alzheimer-Krankheit) von den vaskulären Demenzen unterschieden.

Die genetische Forschung sucht nach Indikatoren für eine präklinischen Demenz in präventiven Arzneimittelstudien mit Probanden, die aufgrund von dominant vererbten Mutationen ein sehr hohes Risiko für Demenzen in sich tragen und nur weniger als 1 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Kürzlich konnten in einer amerikanisch-europäischen Meta-Analyse von 74.046 Probanden 11 neue Risikogenvarianten für die Alzheimerkrankheit identifiziert werden (2).

In der Stammzellenforschung konzentrieren sich die Wissenschaftler auf Medikamententests zur Hemmung von Entzündungen an menschlichen Nervenzellen (3). Die für die Demenzen und insbesondere für die Alzheimererkrankungen typischen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn sollen durch den Einsatz von PET – Bildgebung frühzeitiger als bislang beschrieben und genauer lokalisiert werden (4).

Den vielversprechendsten Ansatz zur Bekämpfung von Demenzerkrankungen bietet allerdings die Präventivmedizin:

Im Vergleich zu früher geborenen Jahrgängen setzen die Demenzerkrankungen bei den nachfolgenden Generationen in einer späteren Lebensphase ein. Statistisch gesehen wächst derzeit die Zahl der möglichen gesunden Lebensjahre mit der Lebenserwartung kontinuierlich an und dies trotz des nach wie vor hohen Risikos, am Lebensende an einer Demenz zu leiden. Die aktuelle präventivmedizinische Forschung sucht nach Anhaltspunkten, um diese epidemiologischen Veränderungen zu erklären und letztendlich auch zu verstärken.

Der jetzt im New England Journal of Medicine publizierte Bericht zur Entwicklung von Inzidenz und Prävalenz der Demenzen rückt daher nicht ausschließlich die Fallzahlen in den Mittelpunkt, sondern weist potentiell beeinflussbare Faktoren aus, etwa, um den Beginn der Erkrankung hinauszögern zu können.
Im Resümee stellt die Autorengruppe um Eric B. Larson vom Group Health Research Institute in Seattle fest, dass insbesondere das gewachsene Bildungsniveau und der zunehmenden soziale Wohlstand in den hoch entwickelten Industrienationen entscheidend mit dazu beitragen, einen gesundheitsbewussten Lebensstil zu ermöglichen, der das Risiko von Demenzerkrankungen bei älteren Erwachsenen senken kann. Die persönliche Fürsorge für das eigene Wohlbefinden und die staatliche Gesundheitsvorsorge potenzieren dabei wechselseitig ihre gesundheitsförderliche Wirkung, so die Einschätzung (5).

Zwei große Kohortenstudien aus den USA und drei aus Europa bilden die Grundlage für die Analyse. Alle fünf Studien unterstützen die Prognose, dass das Demenzrisiko im Alter sinken kann bzw. partitiell beeinflussbar ist.

 

Aus dem aktuellen Vergleich der Daten von mehr als 7.500 über65Jährigen aus der britischen Cognitive Function and Ageing Study (CFAS) I und II wurde die höchste Absenkung der Demenzraten von 8,3 % in CFAS I in den Jahren1989 bis 1994 und von 6,5 % in CFAS II in den Jahren 2008 bis 2011 ermittelt. Ein im Vergleichszeitraum höheres Bildungsniveau, eine bessere Prävention von Gefäßerkrankungen und wirksamere Maßnahmen bei der Behandlung von Typ-2-Diabetes  und von Schlaganfallfolgen gelten als maßgebliche Argumente, um zu begründen, weshalb die Gruppe der später Geborenen offensichtlich einem geringeren Risiko ausgesetzt sind, an Demenzen zu erkranken als die früher zur Welt gekommenen Personen (6).

Die derzeit zu beobachtende massive Zunahme der Typ-2-Diabetes und Adipositas – mehr Fälle bei Personen im mittleren Alter – könnte daher dazu führen, dass auch die Zahlen für Demenzerkrankungen in späteren Lebensphasen künftig weiter  ansteigen. Gelingt es, durch Interventionen schon im mittleren Lebensalter Risikofaktoren für vaskuläre Erkrankungen generell zu mindern, werden damit auch Demenzerkrankungen präventiv verzögert. Zu den Empfehlungen der Wissenschaftler gehören eine (staatlich verordnete) regelmäßige und frühzeitige Kontrolle der Werte für die metabolischen Mittler, d.i. das Cholesterin, der Blutzucker und der Blutdruck sowie eine entsprechende und rechtzeitige Behandlung bei Normabweichungen. Ein gesundes Maß an Bewegung und Ernährung wird ebenso favorisiert wie der Verzicht auf das Rauchen, um die kognitiven Funktionen lebenslang zu erhalten.

Einen Beleg, dass sich noch im sehr hohen Alter Lebenstilveränderungen positiv auswirken, liefert eine Studie zur körperlichen und geistigen Fitness von über 90-jährigen.  Ein Forscherteam von der Universität Odense registrierten eine Verbesserung auch der kognitiven Fähigkeiten ihrer betagten Probanden und führten diese insbesondere auf den Rückgang des Rauchens und auf die gezielte Behandlung von Hypertonie und Hypercholesterinämie zurück (7).

So bleibt es unstrittig ist, dass es gleichermaßen individueller und gesamtgesellschaftlicher Schritte in der Prävention bedarf, um die Demenzraten nachhaltig zu reduzieren.

 

Zum Weiterlesen:

 

(1)    Vgl. Informationen der Deutsche Alzheimergesellschaft:
www.deutschealzheimer.de/fileadmin/alz/pdf/factsheets/FactSheet01_2012.pdf und der World Alzheimer Report 2013: Policy Brief: The Global Impact of Dementia 2013-2050. www.alz.co.uk/research/G8-policy-brief

(2)    Lambert Jean – C. et al.: Meta-analysis of 74,046 individuals identifies 11 new susceptibility loci for Alzheimer’s diseas. In:
Nature Genetics Dezember 2013, 45 (12) :1452-8.  doi: 10.1038/ng.2802. Epub 2013 27. Oktober.

(3)    Mertens Jerome et al.: APP Processing in Human Pluripotent Stem Cell-Derived Neurons is Resistant to NSAID-Based Gamma-Secretase Modulation, Stem Cell Reports, DOI: 10.1016/j.stemcr.2013.10.011

 

(4)    First guidelines published for brain amyloid imaging in Alzheimer. www.alz.org/news_and_events_60578.asp

 

(5)    Larson Eric B. at al.: New Insights into the Dementia Epidemic. In: New England Journal of Medicine, November 27, 2013DOI: 10.1056/NEJMp131140

(6)    Die Prävalenzen sind alters- und geschlechtsspezifisch ausgewiesen. Vgl: www.cfas.ac.uk.

(7)    Christinsen, K. et al.: Lancet. 2013 Nov 2;382(9903):1507-13. doi: 10.1016/S0140-6736(13)60777-1. Epub 2013 Jul 11