Abgeschieden, inmitten des Regenwaldes am Amazonas, lebt die Gruppe der Tsimane mit den gesündesten Arterien, die je auf der Welt im Detail untersucht worden sind. 85 Prozent der 705 Stammesrepräsentanten im mittleren Alter bis geschätzt 94 Jahre wiesen nicht einmal auf computertomografischen Bildern Anzeichen für eine Arterienverkalkung auf. Das Rezept dafür ist wohl in den Lebensgewohnheiten zu finden, so kommentierten Kardiologen jetzt auf der American College of Cardiology (ACC) Jahrestagung den Befund dieser beeindruckend kollektiven Herzgesundheit.

Tsimane sind traditionell in Dörfern sesshaft und dennoch ständig in Bewegung. Sie ernähren sich überwiegend von Reis, Maniok, Kochbananen, Mais, Nüssen und Früchten, konsumieren nur sehr selten Fisch oder Fleisch und rauchen wenig. Ihr vorindustrieller Lebensalltag bietet live einen möglichen Ansatz, wie Gesundheit bis ins hohe Alter zu bewahren ist und weist dabei vor allem auf generationenüberdauernde Langzeiteffekte hin.

Die rund 16.000 Angehörige der Tsimane-Volksgruppe ziehen derzeit, so abgeschieden sie auch im bolivianischen Regenwald am Amazonas leben, die Aufmerksamkeit der gesundheitsbewussten Weltöffentlichkeit auf sich. So ist auf der Jahrestagung der American College of Cardiology (ACC) in Washington ein 80-jähriger Stammesangehöriger vorgestellt worden, dessen Herzgefäße so fit waren wie die eines 50-jährigen Durchschnitts-US-Amerikaners. (1). Er gehörte zu einer Gruppe von 705 Tsimanern im geschätzten Alter zwischen 40 und 94 Jahren, die seit 2002 im Tsimane Life History and Health Project auf ihr Risiko für Herzerkrankungen untersucht worden sind (2).

Im Projekt wurden dabei u.a. mittels Computertomografie (CT) koronare Kalk-Score-Messungen vorgenommen und im Labor Blutfett- und Blutzuckerwerte sowie Entzündungsmarker ermittelt. Zur Einordnung dieser Messwerte standen Daten von 6.814 Erwachsenen aus der Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis (MESA) zur Verfügung (3). Schon allein die CT-Aufnahmen für sich genommen wiesen die Tsimane als das Volk mit den gesündesten Herzgefäßen der Welt aus. Bei 85 Prozent von ihnen fand sich kein Hinweis auf Kalk in den Herzkrankgefäßen, bei 13 Prozent nur niedrige Rückstände (0-100) und nur ganze drei Prozent hatten für das Herzinfarktrisiko relevante Plaquemengen (> 100 Einheiten im Agatston-Score). Je höher die Zahl der Einheiten im Agatston-Score, umso größer fällt das Risiko für den Herzinfarkt aus. Der günstige Befund verschlechterte sich auch im höheren Lebensalter kaum. Von den über 75-jährigen Tsimanen blieben 65 Prozent ohne Plaques und lediglich bei 8 Prozent erreichten die Kalkablagerungen ein risikobehaftetes Ausmaß von > 100 Einheiten im Agatston-Score.

Weitere einschlägige Gesundheitsdaten bekräftigen das aus dem guten Zustand der Herzkranzgefäße hervorgehende geringe Risiko für Herzerkrankungen. Unabhängig vom Alter hatte nur rund jeder zehnte Tsimaner einen LDL-Cholesterinwert über den Grenzwert von 130 mg/dl bzw. nur jeder zehnte bis zwanzigste litt unter Bluthochdruck (Angabe in mmHg – Studie war nicht aufrufbar) oder an krankhaftem Übergewicht (BMI > 30 kg/m²). Im Vergleich dazu war nur jeder achte gleichaltrige US-Amerikaner aus der MESA-Studie so herzgesund wie der überwiegende Teil der Tsimaner, nahezu jeder zweite hingegen einem mittleren bis hohen Risiko für Herzerkrankungen ausgesetzt.

Die beispiellos geringe Verkalkung der Herzkranzgefäße sahen die Wissenschaftler im Zusammenhang mit dem vorindustriellen Lebensstil der Tsimaner. Mit nur zehn Prozent körperlich inaktiven Phasen am Tag und wenig Nikotin unterschieden sich die Tsinamer ebenso maßgeblich von den durchschnittlichen US-Amerikanern wie in der Wahl der Speisen. Tsinamer ernähren sich mit einem Anteil von 72 Prozent an ballaststoffreichen Kohlenhydraten überwiegend von Reis, Maniok, Kochbananen, Mais, Nüssen und Früchten. Hinzu kamen 14 Prozent Eiweiße aus selbst gefangenen Fischen oder selbst gejagten Tieren. Mit nur 11 Gramm gesättigten Fettsäuren in der durchschnittlich 38 Gramm täglich konsumierten Fettmenge fielen auch diese Anteile vergleichsweise gering aus. Unbeeinflusst von der gesunden Kost und Lebensweise erweisen sich allerdings die im Blut gemessenen Entzündungsmarker. So fiel die Hälfte der Tsinamer mit einem C-reaktiven Proteinwert (CRP) von über 30 mg/l auf. C-reaktives Eiweiß als Teil der Immunabwehr ist im Blut vermehrt vorhanden, wenn Entzündungen auftreten. Im Unterschied zu den gleichaltrigen US-Amerikanern, deren Werte zum Vergleich herangezogen worden, war die erhöhte CRP-Konzentration bei den Tsinamern kein Anzeichen für das Risiko einer Arterienverkalkung.

Die Tsinamer profitieren von über Jahrhunderte andauernden, stabilen, gesunden Lebensumständen. Mittlerweile beschleunigen neu gebaute Straßen und Motorboote den Lebensrhythmus und eröffnen Zugänge zu Märkten, die Industriezucker- und ölhaltige Waren bereitstellen. Sollten sich die Folgen der Zivilisation schon bald an der Arterienverkalkung ablesen lassen, wäre dies ein weiterer Beweis, inwieweit der Lebensstil das Risiko für die koronare Herzerkrankung dominiert.

Zum Weiterlesen:

(1) H Kaplan et al. Coronary atherosclerosis in indigenous Southa American Tsimane: a cross-sectional cohort study, Lancet 2017, 17. März 2017, doi: 10.1016/S0140-6736(17)30752-3 http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(17)30752-3/fulltext und die Presseerklärung auf https://www.eurekalert.org/pub_releases/2017-03/tl-tli031517.php

(2) Vgl. The Tsimane Life History and Health Project. Abrufbar über https://www.unm.edu/~tsimane/

(3) Vgl. The Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis. Abrufbar über https://www.mesa-nhlbi.org/