Überreaktionen des Immunsystems, die sich gegen den eigenen Körper richten, hinterlassen auch Spuren im Hirn. Wissenschaftler aus Oxford bestätigten dies jetzt anhand der Krankheitsverläufe von mehr als 1,8 Millionen Patienten mit Autoimmunerkrankungen. Diese waren um rund 20 % mehr gefährdet, Hirnfunktionen beschleunigt abzubauen als Patienten mit anderen Krankheitsbildern (1). Einzelne Autoimmunerkrankungen und Demenzen hingen unterschiedlich zusammen. Von 25 untersuchten Autoimmundefekten vergrößerten 18 offensichtlich die Gefahr für Hirnfunktionsverluste. Darunter fanden sich insbesondere die Multiple Sklerose, Lupus sowie die Schuppenflechte. Da die Betroffenen fünfmal häufiger an einer vaskulären Demenz als an Alzheimer erkrankten, gelten Gefäßschäden als der vermutliche Grund, weshalb neurodegenerative Prozesse Autoimmunstörungen folgen könnten.

Bei der Entwicklung von Demenzen spielt das Immunsystem eine nicht unwesentliche Rolle. Viele Details sind allerdings noch unerforscht. Wissenschaftler von der Universität Oxford gingen nun der Frage nach, inwieweit Störungen des Immunsystems, die Autoimmunerkrankungen auslösen, mit dem späteren beschleunigten Verlust von Hirnfunktionen in Verbindung stehen. Sie verglichen dafür die Krankheitsverläufe von über 1,8 Millionen Patienten, die zwischen 1998 und 2002 mit Autoimmunerkrankungen erstmals im Krankenhaus behandelt worden waren, mit den Befunden von weiteren sieben Millionen, die wegen anderer Beschwerden die Klinik aufsuchen mussten. 81.502 Patienten aus beiden Gruppen entwickelten später eine Demenz, die stationär behandelt wurde. Autoimmunpatienten waren um rund 20 % häufiger davon betroffen als die anderweitig Erkrankten. Dabei traten fiel das Risiko für vaskuläre Demenzen mit 28 % im Vergleich zu 6 % für die Alzheimer-Demenz wesentlich höher aus.

Männer entwickelten häufiger eine Demenz als Frauen. Obgleich 70 % aller Frauen wegen Autoimmundefekten stationär behandelt wurden, lag das Risiko einer späteren Krankenhauseinweisung aufgrund von Demenzen für Männer mit 32 % doppelt so hoch wie bei den Frauen.

Demenzen folgten den einzelnen Autoimmunerkrankungen unterschiedlich häufig. So waren 18 der 25 untersuchten Autoimmunerkrankungen enger mit dem Abbau von Hirnfunktionen verbunden. Dazu zählten die Multiple Sklerose (RR[1] 1,97), Psoriasis (RR 1,29), Morbus Addison (RR 1,48) und Lupus erythematodes (RR 1,46).

Die Wissenschaftler vermuten, dass insbesondere Gefäßschädigungen infolge von Störungen des Immunsystems verantwortlich für den beschleunigten Abbau von Hirnleistungen sein könnten. Dafür spricht, dass Autoimmunerkrankungen überwiegend das Risiko für vaskuläre Demenzen und weniger für Alzheimer erhöht haben. Risikofaktoren für Schädigungen an Hirn- und Herzgefäßen sollten daher bei der Behandlung von autoimmunerkrankten Patienten eine stärkere Beachtung finden (2).

Zum Weiterlesen:

  1. CJ Wotton und MJ Goldacre. Associations between specific autoimmune diseases and subsequent dementia: retrospective record-linkage cohort study, UK. J Epidemiol Community Health. 2017 Mar 1. pii: jech-2016-207809. doi: 10.1136/jech-2016-207809. Abrufbar über http://dx.doi.org/10.1136/jech-2016-207809
  2. Vgl. dazu exemplarisch MT Nurmohamed et al. Cardiovascular comorbidity in rheumatic diseases. Nat Rev Rheumatol. 2015 Dec; 11(12):693-704. doi: 10.1038/nrrheum.2015.112., abbrufbar über https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26282082 und S Skeoch und IN Bruce. Atherosclerosis in rheumatoid arthritis: is it all about inflammation? Nature Reviews Rheumatology 11, 390–400 (2015) doi:10.1038/nrrheum.2015.40, abrufbar über http://www.nature.com/nrrheum/journal/v11/n7/abs/nrrheum.2015.40.html

Fußnote:
[1] RR = Relative Rate: Quotient aus Inzidenzraten der Exponierten zu den nicht Exponierten