Bewertungskriterien und Standards für die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen sind derzeit Gegenstand von international geführten Diskussionen. Im Falle steigender Adipositas-Fallzahlen weltweit stellt sich die Frage, wie wirksam bislang nationale Präventionsinitiativen tatsächlich sind, um diese ungünstige Entwicklung zu beeinflussen.

Einen ersten Ansatz zum Monitoring enthält der jüngst veröffentlichte Report des Welt-Adipositas-Verbandes zur Adipositas-Prävention bei Kindern im Vorschulalter (1).

Für den Report sind Initiativen in der Adipositas-Prävention dahingehend geprüft worden, ob es Belege für ihre Wirksamkeit gibt, ob sie die ungleiche Entwicklung der Kinder befördern oder ausgleichen, mit welchem Kostenaufwand sie verbunden sind und ob sie als Best-Practice-Projekte für  andere Länder empfohlen werden können.
Die Bewertung stützt sich insbesondere auf die Datenbank der World Cancer Research Foundation  (WCRF) und bezieht ebenso einschlägige wissenschaftliche Publikationen mit ein (2).

Das Monitoring-Ergebnis zeigt offensichtliche Lücken und damit auch Reserven und Potential in der Adipositasvorsorge bei Kindern an.


Die bewerteten Ansätze in der Adipositas-Prävention im Einzelnen:

Mit einem erweiterten Wissen über gesunde Ernährung Ernährungsgewohnheiten verändern
Zwar steigt das Bildungsniveau bei Kindern und ihren Eltern im Bereich der Ernährung, doch bewirkt dies bislang kaum Veränderungen in den Ernährungsgewohnheiten. Studien belegen in Verbindung mit gesundheitlicher Aufklärung lediglich eine leichte Zunahme des Gemüseverzehrs. Mädchen wenden ihr Ernährungswissen im Alltag etwas häufiger an als Jungen. Je nachhaltiger die Unterstützung durch die Eltern, umso stärker verändert sich das Bildungsniveau der Kinder und umso grösser fällt die Gewichtsreduktion aus.

Den Bewegungsmangel in der Schule und in der Freizeit reduzieren
Der Grad der körperlichen Aktivität von Kindern kann mit gezielten Aktionen maßgeblich erhöht werden. Die Akzeptanz von Bewegungsförderung steigt in dem Maße, wie die Schüler an den Entscheidungen, z.B. über die Wahl der Sportart, beteiligt sind.

Durch Verbesserungen in der Nahrungsmittelversorgung in den Schulen und in der Schulumgebung die Ernährungsqualität erhöhen
Insbesondere die Schulobstprogramme für die Klassen 1  – 10 in 25 EU-Ländern wirken sich gesundheitsförderlich aus. Die Programme sind sehr kostenintensiv. Sie können jedoch helfen, sozial bedingte Unterschiede in der Ernährung auszugleichen. Beispielgebend ist Norwegen genannt – hier erhalten Schulkinder pro Tag eine kostenlose Portion Obst oder Gemüse. Estland und Lettland haben in Nährwertvorschriften für die Schulernährung Obergrenzen für den Verzehr von Salz, Zucker und Fett festgesetzt.

Den Verzehr von übermäßig gezuckerten Getränken reduzieren
Studien belegen nachdrücklich den Zusammenhang zwischen einem Verzicht  auf übermäßig  gezuckerten Getränken und dem sinkenden BMI bei älteren Kindern und Jugendlichen.

Durch weniger TV die Sitzzeiten von Kindern und Jugendlichen verringern
Mit hohem finanziellen Aufwand gelingt es, die Sitzzeit von Kindern vor dem Fernseher zu verringern. Für die Gewichtsreduktion bei 7- bis 9-Jährigen um 1 % wird im Schnitt ein Einsatz von 53 Euro pro Kind und Tag erforderlich.
Entfällt die Unterstützung der Eltern, vergrößern sich die sozial bedingten Entwicklungsunterschiede. Mit der Intervention soll schon im Vorschulalter begonnen werden.

Durch Gesundheitsschulung der Betreuer in Schuleinrichtungen Effekte erzielen
Die Ausarbeitung von Pre-Schul-Curricula im Bereich Gesundheitsförderung steht noch aus.

Durch Ernährungsberatung in den Gesundheitseinrichtungen informieren
Davon profitieren überwiegend ältere Kinder. Diese Aktionen sind sehr kostenintensiv. So werden  z.B. ca. 4.000 Euro pro ein durch Aufklärung gewonnenes, zusätzliches Lebensjahr für ein 10 Jahre altes Kind veranschlagt.

Durch gesundheitsförderliche Städtebauplanung gesunde Ernährung unterstützen
In den EU-Staaten mangelt es an Richtlinien, die die Eröffnung von Fast-Food- Einrichtungen in der Nähe von Schulen, Spielplätzen, Jugendzentren und Parks einschränken.

Das Angebot von Süßigkeiten und Snacks in Eingangs- und Ausgangszonen von Einrichtungen einschränken oder/und durch Angebote von Obst und Gemüse ersetzen
Bislang gibt es noch keine systematischen Untersuchungen zur Wirksamkeit dieser Maßnahmen. Als beispielgebend  für die  Praxis gilt das Chance4Life Convenience-Programm in Großbritannien (3).

Die Werbung für ungesunde Lebensmittel begrenzen
Die möglichen Effekte sind bislang noch nicht gemessen worden. Irland und Großbritannien haben die Werbung für ungesunde Lebensmittel während der TV-Zeiten für Kinder eingeschränkt. In Spanien verbietet ein Gesetz Werbung in Kindergärten und Schulen.

Durch Steuererleichterungen und Subventionen Anreize für gesunde Ernährung schaffen
Bislang liegen noch keine systematischen Studien zu Wirkeffekten vor. In Ungarn wird eine Gesundheitssteuer auf Salz, Zucker und Kaffee diskutiert. Großbritannien verteilt an Schwangere und sozial schwächere Familien mit Kindern bis zu vier Jahren Gutscheine für Milch, Naturjoghurt, Obst und Gemüse.

Kampagnen zur Gesundheitsförderung
Auftritte der nationalen Identifikationspersonen sollen ebenso in Werbekampagnen für eine gesunde Lebensführung mit einbezogen werden wie beliebte Fernsehserien etc.


Ungleichheiten in den nationalen Gesundheitssystemen, in den sozialen, ethnischen und regional geprägten Gruppen, in den Altersstufen etc. werden in den Wirksamkeitsanalysen bislang kaum abgebildet. Ebenso fehlt es an Mustern zum Transfer von Forschungsergebnissen in die politische Entscheidungsfindung.

Die Erörterung des Potentials von präventiven Ansätzen bei Adipositas von Kindern durch die Experten und Gesundheitspolitikern mündet einhellig  in die Erwartung, durch die Intensivierung der Präventionsforschung künftig Konzepte zu schaffen, die wirksame(re) Präventionsprogramme auf nationaler Ebene ermöglichen.

Der Workshop hat sich dabei im Wesentlichen für ein integratives Konzept in der Präventionsforschung und in der Gesundheitspolitik ausgesprochen:

Präventivmedizinische Studien zur Adipositas bei Kindern sollen künftig Lebensumstände der gesamten Familie mit einschließen und langfristig (länger als 10 Monate) angelegt sein, um aussagekräftige Ergebnisse zuzulassen. Unterschiede im sozioökonomischen Umfeld und in der ethnischen Herkunft, in Altersgruppen und Geschlecht sollen beim Finden von vergleichbaren Messpunkten und Indikatoren von Anfang an im Studienkonzept mit berücksichtigt werden. Stärker als bislang üblich sollten Forschungskonzepte Kosten-Nutzen-Analysen der zu untersuchenden Zusammenhänge auflisten. Ein Basisfaktor für diese Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen ist mit dem Score für die mittlere Lebensqualität  (in 6 Dimensionen: Körper, Psyche, Selbstwert, Familie, Freunde und Schule) der Kinder vorgegeben, der den aktuellen Befunden zur Adipositasforschung angepasst werden sollte. Studien belegen,  dass übergewichtige und vor allem adipöse Kinder und Jugendliche in ihrer gesundheitsbezogenen Lebensqualität beeinträchtigt sind (4). Zu den Beeinträchtigungen von Adipositas zählen neben der Risikobelastung für somatische Krankheiten oft  auch psychosoziale Faktoren, wie soziale Ausgrenzung, geringeres Selbstwertgefühl bis hin zu Depressionen und geringere Produktivität u.v.m. Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen sollten diese Komponenten verstärkt mit berücksichtigen.

Der Deutsche Adipositasverband  unterstützt  die Forderung nach einer Intensivierung der Adipositasforschung zum Beispiel in einer Stellungnahme zur Fortführung des Kompetenznetzwerkes Adipositas (5).

Zum Weiterlesen:

(1) Obesity prevention in children in pre-school years: Policies and evidence Report of a high-level workshop held in Brussels, 11 April 2014. Abrufbar über http://www.worldobesity.org/site_media/uploads/Obesity_Prevention_in_Preschool_Children.pdf  und www.worldobesity.org

(2) Vgl. Die Datenbank der World Cancer Research Foundation unter:  www.wcrf.org.
Alle Daten und Beispiele im Text beziehen sich, soweit nicht anders gekennzeichnet,  auf die im Report ausgewiesenen Literaturangaben.

(3) http://www.nhs.uk/change4life/Pages/partner-convenience-stores.aspx und http://www.nhs.uk/change4life/Pages/change-for-life.aspx

(4) L. Krause et al.: Gesundheitsbezogene Lebensqualität von übergewichtigen und adipösen Jugendlichen. In: Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz April 2014, Volume 57, Issue 4, pp 445-454 mit link: http://link.springer.com/article/10.1007/s00103-014-1943-2?no-access=true und
U. Ravens-Siebere et al.: Erfassung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen. Gesundheitswesen 2013; 75(10): 667-678
DOI: 10.1055/s-0033-1349555

(5) http://www.kompetenznetz-adipositas.de/menue/kompetenznetz.html